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Kultur im Spätsommer und Frühherbst : Mit Goethe geht es los

Stille Größe: „Die Launen des Olymp” im Liebieghaus Bild: ddp

Schon wieder keine Karten für Bayreuth bekommen? Macht nichts. In Frankfurt beginnt die Theaterspielzeit diesmal früh. Und die „Bunten Götter“ werfen schon farbige Schatten auf die Ausstellungssaison.

          2 Min.

          Keine Pause für Theaterfreunde. Wenn die Frankfurter Saison beginnt, neigen sich die Bayreuther wie die Salzburger Festspiele gerade erst ihrem Ende entgegen. Wer freilich für den Grünen Hügel keine Karten bekommen hat, kann sich damit trösten, dass die Temperaturen im Festspielhaus unerträglich und die Sitze im Zuschauerraum so hart wie nirgendwo sonst in der Bühnenwelt sind.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Da sind die Theatersäle in Frankfurt weitaus angenehmer. Und der Erregungspegel im hiesigen Sprechtheater ist, wenn es um zeitgenössische Interpretationen klassischer Stücke geht, gelegentlich genauso hoch wie in der Mozartstadt, manchmal sogar noch ein bisschen höher.

          Außerdem: Einen Meister seiner Zunft hat nicht nur die fränkische Provinzstadt zu feiern, sondern auch die Großstadt am Main. Frankfurts Wagner heißt Goethe. Auch wenn er früh seine hessische Heimat verlassen hat, um in einem Nest namens Weimar sein Genie zu entfalten, ist das kein Grund, ihm immer noch gram zu sein: So gibt es in diesem Jahr zum zweiten Mal die Festwoche „goethe ffm“ , der das Schauspiel abermals eine vorzeitige Saisoneröffnung verdankt.

          Am 28. August , dem Geburtstag des Dichterfürsten aus dem Großen Hirschgraben, fängt die Spielzeit mit der Premiere von Goethes „Torquato Tasso“ in Urs Trollers Inszenierung an. Der Vorhang der Oper geht am 30. August für eine Aufführung von Claus Guths Deutung des Verdi-Werks „Ein Maskenball“ wieder hoch. Auf die erste Premiere muss das Opernpublikum jedoch ein bisschen länger warten: Am 28. September dirigiert der neue Generalmusikdirektor Sebastian Weigle Aribert Reimanns „Lear“ , den Keith Warner in Szene setzt.

          Während mit dem Wechsel des musikalisch Verantwortlichen am Musiktheater eine Zäsur erfolgt, nimmt in der Spielzeit 2008/2009 die Intendantin des Sprechtheaters ihren langen Abschied von Frankfurt. „Hin und weg!“ lautet das auf den Abgang Elisabeth Schweegers hindeutende Motto der kommenden Saison, das man aber auch getrost im Sinn einer enthusiastisch-schwärmerischen Zuneigung zum Theater verstehen kann. Wer aber „hin und weg“ ist oder in einen derartigen Zustand versetzt werden soll, bleibt offen – die Chefin, das Publikum, die Schauspieler? Oder gar die städtischen Politiker? Die mit Kultur befassten unter ihnen sind angetan von der Anerkennung, die der Frankfurter Oper von Kritikern jetzt abermals widerfahren ist.

          Ein dauerhafter Grund zur Begeisterung war in den vergangenen Jahren auch die Museums- und Ausstellungsszene der Stadt. Was die bildende Kunst angeht, hat sie derzeit international einen blendenden Ruf. Mit der Neugestaltung des Liebieghauses ist Max Hollein und seinen Mitarbeitern gar ein Coup gelungen, den keiner so erwartet hatte. So gegenwärtig wirkte die Antike schon lange nicht mehr wie in der Eröffnungsausstellung nach der Renovierung: „ Die Launen des Olymp“ ist eine Schau, in der vor Augen geführt wird, dass die liebgewonnene Vorstellung von edler Einfalt und stiller Größe mehr mit den Sehnsüchten des Bürgertums im 19. Jahrhundert zu tun hat als mit der drastischen Kunstwirklichkeit des Altertums.

          Im Herbst aber kommt die Ausstellung „Bunte Götter. Die Farbigkeit antiker Skulptur“ nach Frankfurt. Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung des Liebieghauses , hat sie in München konzipiert und realisiert, mittlerweile ist sie in vielen renommierten Museen zu sehen gewesen, zuletzt in den Vereinigten Staaten. In dieser Präsentation werden antike Skulpturen zusammen mit Rekonstruktionen von Arbeiten der Bildhauerkunst aus Griechenland und Rom gezeigt. Es geht um die gut belegbare Behauptung, die Plastik der Antike sei bemalt gewesen.

          Die am 8. Oktober beginnende Schau, gewiss ein erster Höhepunkt in der neuen Frankfurter Ausstellungssaison, ist in mancher Hinsicht symptomatisch für den Kulturbetrieb am Anfang des 21. Jahrhunderts: Sie kommt einer Zeit entgegen, in der es medial so bunt zugeht wie nie zuvor, rückt andererseits historische Phänomene ganz nah an die Gegenwart heran, basiert auf einer starken, ja: spektakulären These. Farbigkeit, Lebendigkeit, Vielfalt in der Kunst scheinen allgemeinmenschlichen Bedürfnissen zu entsprechen. Ergo auch denen der Frankfurter und anderer Rhein-Main-Bewohner.

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