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Museum für Moderne Kunst : Die Tiefsee als Rückzugsort der Phantasie

Wesen aus einer anderen Sphäre: Die Installation eines Riesenkalmars von Bunny Rogers. Bild: Axel Schneider

Im „Zollamt“ des Museums für Moderne Kunst sind Arbeiten von Bunny Rogers zu sehen, einer außergewöhnlichen jungen Künstlerin. In ihrer Ausstellung fasziniert sie mit Wesen aus einer anderen Sphäre.

          Im ehemaligen Hauptzollamt ist es düster, aber hinten leuchtet etwas Großes, Gewelltes, Gewaltiges nicht ganz in Weiß, weil es geringfügige farbliche Schattierungen gibt. Ein Bild, könnte man, während man die Treppe hochsteigt, vermuten, ein abstraktes Gemälde von erheblichem Ausmaß, vielleicht auch ein Leuchtkasten. Zunächst aber lenkt ein ungeheures Tiefseegeschöpf, das malerisch auf dem Boden hingestreckt liegt, den Blick ab, eine grüngelbliche Masse mit Tentakeln voller Noppen, ein Riesenkalmar, ein Wesen aus einer anderen Sphäre, zu welchem Eindruck auch das Fluoreszieren der Oberfläche beiträgt.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Überhaupt hat die gesamte Szenerie etwas Unwirkliches bis Unheimliches, nicht zuletzt wegen der mit dunkler Folie abgeklebten Fenster, des Schwarzlichts, das hier zum Einsatz kommt und alles helle Material psychedelisch bläulich leuchten lässt, und des Zauns mit seinen ornamental umrankten Spitzen an den Längsseiten des Ausstellungsraums. Er begrenzt die Szenerie, als markiere er einen ganz besonderen Ort, den Schauplatz eines merkwürdigen Rituals vielleicht. Es riecht auch seltsam. Ein modriger Geruch. Er geht vom Zaun aus.

          Gastprofessorin an der Städelschule

          Beim Näherkommen stellt sich heraus, dass das große Weiße ein Eisberg ist, ein kalter Koloss, in Form gehalten, wie später zu erfahren ist, von einem Kühlaggregat, das freilich nicht zu erahnen ist. Wer von der Seite aufs Gefrorene schaut, entdeckt Spuren von Händen. Und die Besucher sind auch aufgefordert, den Eisberg zu berühren. Um noch tiefer einzutauchen in die Privatmythologie der 1990 in Houston geborenen Künstlerin Bunny Rogers. Ihre installative Arbeit „Pectus excavatum“ ist als Teil der von der BHF-Bank-Stifung geförderten Frankfurter Positionen entstanden. Sie ermöglichte auch, dass die vor zwei, drei Jahren zu internationaler Bekanntheit gelangte Amerikanerin derzeit als Gastprofessorin an der Städelschule lehrt.

          Selten wirkte die Dependance des Museums für Moderne Kunst so passend als Ausstellungsraum, das etwas Morbide der Architektur mit ihren Stützen scheint wie geschaffen für diese Objekte. Man könnte sie Skulpturen nennen. Aber ebenso, wie der Unterschied zwischen Bild und Raum eingeebnet wird, so sind auch die Dinge, die hier zusammengestellt wurden, von höchst ambivalentem Charakter. So ist der Riesenkalmar zwar aus Silikon, verweist aber mit Wucht auf die Realität, ist offenbar ein detailgetreues Abbild tatsächlich existierender Megamollusken. Dabei hat sie noch nie jemand in ihrem natürlichen Umfeld gesehen.

          Vorsicht, kalt: Wie lange dauert es, einen Handabdruck auf einem künstlichen Eisberg zu erzeugen?

          Aber der Bewohner des tiefen Ozeans ist auch ein mythisches Wesen, ein Produkt der Imagination, ein Alien. Bunny Rogers sagt, die Tiefsee sei für sie in ihrer Kindheit ein Raum gewesen, in die sich ihre Phantasie zurückgezogen habe. Während sich andere für das Weltall interessiert hätten, habe sie sich für die zwar näher liegende, aber noch weitgehend unerforschte und unerforschliche Unterwasserwelt begeistert. Die Imagination dieses Lebensraums ist weniger stark durch vorgegebene Bilder geprägt wie die des Weltalls, den ohne Star-Wars-Figuren zu denken uns schwerfällt. Dagegen sind die Bilder, die uns zu den Tiefen des Ozeans einfallen, unbestimmter. Ein Refugium im Internetzeitalter mit seiner Bilderflut.

          Wie alles, was Bunny Rogers Form werden lässt, hat auch der Eisberg mit einer persönlichen Erfahrung zu tun. Als Kind sah sie eine Erlebnis-Ausstellung, in der es, ein Jahr nachdem der „Titanic“-Film in die Kinos gekommen war, unter anderem darum ging, wie lange man es schaffte, die Hände auf einen künstlichen Eisberg zu legen. Es muss für die kleine Bunny ein nachhaltiges Erlebnis gewesen sein.

          Der Zaun mit seinen Falter-Emblemen ist von einer ähnlichen Begrenzung an der Städelschule inspiriert, und der Titel der Schau, „Pectus excavatum“, ist so etwas wie eine Klammer, die ihr gesamtes bisheriges Werk zusammenhält: Mit der leichten Form von Trichterbrust, mit der sie zur Welt kam, musste sich Bunny Rogers zeit ihres Lebens auseinandersetzen und hat sie auch schon einmal explizit in einer Werkreihe zum Thema gemacht. In Frankfurt kann dieser Titel nur bedeuten: Die subjektiven Erinnerungen und individuellen Erfahrungen, auch mit den Medien, prägen die Arbeit dieser außergewöhnlichen jungen Künstlerin. Trotz des Eisbergs: Ihre Position lässt einen nicht kalt. Denn letztlich geht es um das Bedeutungsvolle im Leben. Und damit um uns alle.

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