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Künstler Jonas Weichsel : Die Entdeckung der Langsamkeit

  • -Aktualisiert am

Farbe und Präzision: Jonas Weichsel in seinem Atelier an der Frankfurter Georg-Treser-Straße Bild: Lucas Bäuml

Die immer größere Konkurrenz der digitalen Bilder sieht der Künstler Jonas Weichsel gelassen. Seine Strategie: nicht schneller, sondern langsamer werden.

          3 Min.

          Das Atelier wirkt fast wie ein Labor. Zwar zeugen Spritzer auf dem Fußboden vom hier regelmäßig stattfindenden Umgang mit Farbe. Sonst aber wirken die Erdgeschossräume, die der Maler Jonas Weichsel im Frankfurter Stadtteil Oberrad nutzt, äußerst aufgeräumt und strukturiert. Tageslichtröhren tauchen das Studio in klares Licht. In einem Regal lagern unzählige Tuben, nach Farbtönen angeordnet. Einige verschlossene Schränke machen den Besucher neugierig. „Was dort schlummert, grenzt teilweise schon an einen alchemistischen Ansatz“, sagt Jonas Weichsel mit leichter Ironie.

          Die Schränke seien voll mit Studien zur Frage, wie bestimmte Arten des Farbauftrags vom Betrachter wahrgenommen würden, erzählt der 1982 in Darmstadt geborene Künstler. Er arbeite mit Chemikerwaagen und wiege alle Pigmente exakt ab. Auch denke er genau darüber nach, welches Malmittel er verwende. Seine geradezu wissenschaftliche Akribie wendet Weichsel neben anderen Arbeiten auch auf die „TC“-Bilder an, eine vor etwa sieben Jahren begonnene Werkserie. Ihre reduziert und streng wirkenden abstrakten Gemälde sieht er als sein Hauptwerk und spricht vom „Kerngeschäft“. Etwa zwei Monate brauche er für jedes der Bilder, verrät Weichsel, was er als „Ausdauerleistung“ umschreibt. Das Malen der Bilder werde aber nie zur Arbeit: „Es ist immer aufregend.“

          Mittlerweile sind mehr als 40 „TC“-Gemälde entstanden. Anfangs habe er die Farbe noch mit Pinsel und Rolle aufgetragen, sagt Weichsel. Die Bewegung des Werkzeugs sei zu diesem Zeitpunkt noch sichtbar gewesen. Erst 2014 habe er angefangen, den Pinsel zu führen. Er deutet auf eine geheimnisvolle Apparatur, die an einer Atelierwand angebracht ist. Die eigens für die Serie entwickelte Vorrichtung sorgt dafür, dass Weichsels Bilder einen enorm präzisen, fast maschinell anmutenden Farbauftrag bekommen. Er versucht zudem, die Bilder frei von Verschmutzungen, wie etwa Staub, zu halten. Da die Farbe transparent und zum Teil sehr hell sei, zeige sie jede kleine Unregelmäßigkeit. Weichsel arbeitet auf einen besonderen Effekt hin: „Die gemalte Farbe transformiert sich in eine andere Erscheinung, wo nicht mehr ganz klar ist, wo wir uns befinden.“

          Der Künstler Jonas Weichsel trägt eines seiner Werke durch sein Atelier.

          Dem Betrachter stellt sich die Frage, wie digital Weichsels Gemälde eigentlich sind. Darüber kann man derzeit in der großen Gruppenausstellung „Jetzt – Junge Malerei in Deutschland“ nachdenken, die parallel in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden zu sehen ist. Dort zeigt Weichsel insgesamt 14 Arbeiten, unter ihnen auch „TC“-Bilder. Die Abkürzung stehe für „Two Colours“, erklärt er. Auf den Gemälden seien jedoch nicht nur zwei, sondern zahlreiche Farben in verschiedenen Schichten aufgebracht. Die Abkürzung zeige seine Haltung zur Malerei. Er habe die Tendenz, komplexe Dinge zu machen, sie aber zu vereinfachen, so dass sie kommunizierbar seien.

          „Es ist immer aufregend“, sagt Weichsel über seine Arbeit.

          Weichsel betont: „Ich glaube nicht, dass meine Bilder einfach sind.“ So wirkten sie lediglich in der Reproduktion. Aus der Nähe erkenne man die Komplexität. Weichsel spricht bedacht, klar und sachlich. Er kann in längere Reflexionen über seine Malerei eintauchen und dabei fast vergeistigt wirken. Im nächsten Moment blickt er eindringlich in die Augen des Gegenübers. Vor zehn Jahren habe er einen großen Schnitt in seiner Arbeit gemacht: „Die Offenheit, die mit abstrakter Malerei zu tun hat, war für mich ganz reizvoll.“ Vorher habe er auch figurativ gemalt, erzählt er. Die immer größere Konkurrenz der digitalen Bilder sieht Weichsel gelassen. Seine Strategie bestehe darin, nicht schneller, sondern langsamer zu werden. „Da reicht es eben aus, eine Komposition festzulegen und sich mit ihr zehn Jahre zu befassen“, sagt Weichsel in Anspielung auf seine minimalistischen Gemälde. Er resümiert: „Es geht mir darum, Farben zusammenzubringen.“

          Er sei noch ziemlich erschöpft, sagt er an diesem nebligen Herbstvormittag. Die aufeinanderfolgenden Ausstellungseröffnungen in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden liegen noch nicht lange zurück. Das Bilderlager in Weichsels Atelier ist quasi leergeräumt. Den Ausstellungen ist eine anderthalbjährige intensive Arbeitsphase vorausgegangen. Bis zu 17 Stunden lange Ateliertage und Sieben-Tage-Wochen seien üblich gewesen, sagt er. Überhaupt seien seine Arbeitszeiten ziemlich anormal.

          In Arbeitsphasen wie diesen beschäftigt Weichsel auch Assistenten. Sie fertigen unter anderem Farbstudien für die „TC“-Bilder an. Die meisten Assistenten kämen von der Städelschule, sagt er. Die Kunsthochschule sei für ihn auch der Grund gewesen, nach Frankfurt zu kommen. Sein Kunststudium begann er in Mainz, 2010 wechselte er an die Kunstakademie Düsseldorf. Ein Jahr zuvor war er in Judith Hopfs Klasse an der Städelschule eingetreten. Dass er anschließend in Frankfurt geblieben ist, habe mit der Stadt zu tun gehabt, sagt Weichsel. Er hebt deren Künstler und Kunstinstitutionen hervor. Frankfurt sei liberal, tolerant und lebendig – und auch ziemlich undeutsch. Dass er seinen Atelierstandort mag, verbirgt Jonas Weichsel überhaupt nicht: „Frankfurt ist einfach eine supergeile Stadt.“ Dann findet er doch noch etwas sachlichere Worte: „Von hier aus als Künstler zu operieren fühlt sich richtig an.“

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