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Künstler Helmut Lortz : Ein Fall für den Nervenarzt?

Der Künstler und seine Freunde: Karl Heinz Reinheimer und Georg Hensel bei Helmut Lortz (rechts) im Atelier „Saustall“, 1948 Bild: Kunstarchiv Darmstadt

Der Darmstädter Künstler Helmut Lortz wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden. Mit zahlreichen Ausstellungen soll der „Jahrhundertkünstler“ gefeiert werden.

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          In einem Saustall fing alles an. Buchstäblich, war doch der ehemalige Schweinekoben auf dem Arheilger Grundstück seiner Eltern der Ort, der für das kulturelle Darmstadt gleichsam die Stunde null markiert. Hier richtete sich Helmut Lortz, kaum aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekehrt, sein erstes Atelier ein, und hier trafen sich jene eng miteinander befreundeten Künstler, die das literarische und künstlerische Leben gleichsam aus den Trümmern der völlig zerstörten Stadt neu erfinden wollten.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Autoren wie Georg Hensel und Ernst Kreuder, auch Erich Kästner aus München waren hier häufig zu Gast, Maler wie Eberhard Schlotter und Karl Heinz Reinheimer sowie der Bildhauer Wilhelm Loth, Lortz als Gastgeber der nach Kultur dürstenden jungen Leute sowieso. Künstler mithin, die die südhessische Großstadt in der einen oder anderen Form bis heute prägen, vom heute nach Loth benannten Kunstpreis der Stadt Darmstadt, dessen erste Träger Loth und Lortz im Jahr 1955 gewesen sind, bis zu einigen von Lortz’ Entwürfen wie der zu Beginn der neunziger Jahre entstandenen Heinerfest-Familie. „In Darmstadt leben die Künste“ lautete nicht von ungefähr ein geflügeltes Wort, und das über Jahrzehnte, lange bevor man sich mit dem Claim der „Wissenschaftsstadt“ schmückte.

          Zentrale Persönlichkeit des kulturellen Lebens

          Und in der Tat, als 1948 die Neue Darmstädter Sezession mit Künstlern wie Carl Gunschmann, Erich Heckel, Ferdinand Lammeyer und Hans Mettel erstmals wieder auf der Mathildenhöhe ausstellte, als in den fünfziger Jahren die Darmstädter Gespräche und das Institut für Neue Technische Form gegründet wurden, hatte der Freundeskreis aus dem „Saustall“ mal mehr, mal weniger entscheidenden Anteil daran. Ob als Lehrer an der Werkkunstschule, als Plakat- und Kataloggestalter oder als Mitgründer des bis heute existierenden Keller-Klubs im Parforcehof des Darmstädter Residenzschlosses – der am 25. April 1920 in Schneppenhausen zur Welt gekommene Lortz gehörte in jenen Jahren zu den zentralen Persönlichkeiten des kulturellen Lebens.

          Freilich, hätte nicht der Galerist und Leiter des Darmstädter Kunstarchivs, Claus Netuschil, den Nachlass des 2007 gestorbenen und weit über Darmstadt hinaus bedeutenden Künstlers vor dem Sperrmüll gerettet, sein facettenreiches, von der angewandten über die freie Grafik bis zur Fotografie reichendes, Illustration, Typographie und Malerei umfassendes und von der Skulptur bis zum Fenster für die Kreuzkirche in Arheilgen gleichermaßen beschlagenes Werk wäre womöglich, keine 15 Jahre nach seinem Tod, allmählich in Vergessenheit geraten.

          Netuschil, der den vor dem Zweiten Weltkrieg in Erbach zum Elfenbeinschnitzer ausgebildeten Künstler gut kannte, war es denn auch, der zu Lortz’ bevorstehendem 100. Geburtstag eine Ausstellungsreihe mit elf über das ganze Jahr und die gesamte Stadt verteilten Präsentationen seines malerischen, grafischen und gestalterischen Schaffens initiiert hat. Und alle, so Netuschil, „waren mit Herzblut dabei“.

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