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Dialogrunde mit dem Bischof : Kirchenkritik im Goldfischglas

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Gutgelaunt: Beim Dialogforum der katholischen Kirche im Rheingau hat der Limburger Bischof Georg Bätzing mit Gläubigen diskutiert. Bild: Michael Kretzer

Im Rheingau hat die katholische Kirche mit einem Dialogforum begonnen. Bischof Georg Bätzing diskutierte mit 80 Gläubigen. Und bekam manchen Vorwurf zu hören.

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          Die katholische Kirche steckt in der Krise. Priestermangel, Missbrauchsvorwürfe, Kirchenaustritte und die Zusammenlegung ehemalig selbständiger Pfarreien setzen ihr zu. Die Rheingauer Pfarreien St. Peterund Paul und Heilig Kreuz begannen am Mittwochabend in Oestrich-Winkel gemeinsam mit dem katholischen Bezirksbüro Rheingau und der Erwachsenenbildung Wiesbaden-Untertaunus ein Rheingauer Dialogforum. Unter dem Motto „Mehr, als du siehst. Kirche. Wohin?“ wollten die Katholiken einen offenen Austausch ermöglichen – was ihnen über weite Teile auch gelungen ist.

          Der Limburger Bischof Georg Bätzing stellte sich den Fragen, aber auch der teilweise harschen Kritik von 80 Gläubigen. Um eine Diskussion zu ermöglichen, hatte Moderator Thorsten Klug vom Wiesbadener Amt für katholische Religionspädagogik eine spezielle Gesprächsform gewählt: Die wechselnden Diskutanten saßen mit dem Bischof in einer offene Runde. Die Fishbowl-Methode, frei übersetzt Goldfischglas, funktionierte. So fragte Leo Groß aus Eltville den Bischof, ob und wie dieser innerhalb der kirchlichen Strömungen moderieren könne, um Veränderungen zu ermöglichen. „Ich habe nicht geglaubt, dass katholische Menschen so viel Böses zueinander sagen“, erläuterte Groß und bezog sich dabei auf das Online-Portal „Katnet“. Für Bätzing besteht die Lösung in mehr Kommunikation. „Die anderen wollen ausgrenzen. Das hilft nicht weiter“, sagte er. „Wir müssen mehr zuhören.“

          Sorgen bereitet den Rheingauern der Nachwuchsmangel. Carlos Gonzales aus Eltville monierte, dass Christen nach der Firmung nicht mehr im Gottesdienst erschienen. Ulrike Paul aus Walluf sagte: „Ich sehe nicht, dass die Kirche etwas macht, um Jugendliche wieder in die Kirche zu holen.“ Sie fragte Bätzing: „Was machen wir, wenn die Alten weg sind? Machen wir die Kirche dann zu?“ Der Bischof ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und antwortete mit einer Gegenfrage: „Glauben Sie, dass es gelingt, alle Generationen wieder in die Kirchen zu holen?“ Er glaube das nicht. Bätzing forderte die Katholiken auf, dorthin zu gehen, wo junge Leute seien. „Wir müssen lernen, wie wir die Perspektive wechseln.“

          „Die Kirche hat kein Gesicht mehr“

          In der Debatte nahm die Frage, wie junge Christen angesprochen werden können, breiten Raum ein. Dazu meldeten sich auch junge Katholiken zu Wort. So verstand Florian Schmitt nicht, weshalb im Gottesdienst lateinische Lieder gesungen würden, die junge Leute oft nicht verstünden. Ein Mädchen erzählte davon, dass sie mit einer Band nicht an der Gestaltung des Gottesdienstes teilnehmen durfte, weil sie das lateinische Repertoire einiger Kirchenlieder nicht spielen konnten. Annemarie Kühn aus Oestrich vermisste, dass junge Katholiken Gottesdienste mitgestalten dürften. „Die jungen Leute bekommen etwas übergestülpt.“ Dem wurde von anderen widersprochen.

          Bei einigen Punkten ging es um die grundsätzliche Ausrichtung der katholischen Kirche. Nicoletta Compagni aus Eltville, die nach ihren Worten einst der Kirche den Rücken gekehrt hatte, fragte Bätzing, ob er bereit sei, Segensfeiern für nach einer Scheidung wiederverheiratete und homosexuelle Paare zu veranstalten. „Das kann ich im Moment nicht tun“, stellte der Bischof klar und ergänzte, dass diese Fragen im Bistum Limburg diskutiert würden. Bätzing begründete seine Aussage damit, dass die Feiern der offiziellen Haltung der Kirche widersprächen. „Wenn der Bischof Georg sagt, in Limburg gibt es Segensfeiern für Homosexuelle, dann gibt es morgen den Bischof Georg nicht mehr, weil der Heilige Vater sagt, dass der Bischof nicht mehr die Verbindung zur Kirche hat“, erklärte Bätzing. Diese Spaltung wolle er vermeiden.

          Harsche Kritik an den Rheingauer Großpfarreien, die vor etwa drei Jahren noch unter Bätzings Vorgänger Franz-Peter Tebartz-van Elst eingeführt worden waren, äußerte Gerhard Wehner aus Niederwalluf. „Die Leute, die Sie hier sehen, stellen nur noch die Restkirche dar“, ging er den Bischof an und sagte: „Bei uns ist der Gottesdienst so langweilig geworden, dass ich mich ärgern müsste. Deswegen gehe ich nicht mehr dort hin.“ Wehner schimpfte: „Die Kirche hat kein Gesicht mehr, mit dem sich die Leute noch identifizieren können.“ Mit dieser drastischen Aussage sprach er jedoch offensichtlich nur für wenige Anwesende. Für den Limburger Bischof war der offene Austausch eine gelungene Premiere, wie er am Ende der Veranstaltung sagte. „Wir haben nicht zu Ende geredet, wir haben lediglich eine Tür aufgemacht“, sagte er. Diese bleibt offen, denn das Dialogforum soll fortgesetzt werden.

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