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Kraftklub in der Festhalle : Randale satt

  • -Aktualisiert am

Nebel und Lichtgewitter: Kraftklub-Sänger Felix Brummer begrüßt das begeisterte Publikum beim Konzert in der Frankfurter Festhalle. Bild: Tom Wesse

Kraftklub in Nebelschwaden: Die Formation aus Chemnitz begeistert in der ausverkauften Festhalle mit ihrem Musikmix aus Rock, Indie und Punk.

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          Wenn Gastgeber Werner Höfer im Fernsehen zum „Internationalen Frühschoppen“ bat, rauchten nicht nur die Köpfe der Journalisten. Damals durfte noch beim Talk gepafft werden. Da sah das gesendete TV-Bild wegen des hohen Zigarettenkonsums der Teilnehmer spätestens nach einer Viertelstunde aus wie an einem neblig-trüben Spätnachmittag die Wetterlage in der Themse-Metropole London. Auch Kraftklub assoziieren beim Thema „Kopf“ direkt Vernebelung.

          Schon eine gute Minute lang spielt das Quintett aus Chemnitz zum Einstieg ihres ausverkauften Konzerts in der Frankfurter Festhalle den rasanten Song „In meinem Kopf“ – und bleibt visuell dennoch komplett unsichtbar. Was die Besucherschar sowohl im durch mehrere Wellenbrecher getrennten Innenraum als auch auf den beiden Rängen schier in den Wahnsinn treibt. Ein hysterisches Geschrei, Gejohle und Gejauchze wie bei einer Boyband à la Backstreet Boys oder Take That. Endlich hebt sich langsam der gigantische rechteckige Quader, um die Sicht auf die Bühne freizugeben. Im irren Flackern mehrerer Strobelights agiert die Band wie außer Rand und Band geraten, reichlich umwabert von Nebel, Dunst und Rauch. Binnen Sekunden saust der Zeiger auf der nach oben offenen Euphorie-Skala hoch.

          Damit das evozierte Hoch nicht unmittelbar absackt, geben Sänger Felix Brummer, Bassist Till Brummer, Schlagzeuger Max Marschk, Rhythmusgitarrist und zweite Stimme Karl Schumann sowie Sologitarrist und Keyboarder Steffen Israel weiterhin Vollgas. Im Affenzahntempo preschen, bis auf wenige Ausnahmen, die mehr als zwei Dutzend Eigenkompositionen in für die Lokalität ziemlich passabler Klangbalance voran. Stets ausgestattet mit ohrwurmig melodischem Refrain samt deutlichen Querverweisen zum Londoner Punk der Siebzigerjahre und ein wenig auch zum Britpop der Neunzigerjahre.

          Mit ihrem musikalischem Mix aus Punk, Rock und Indie begeistert die Formation aus Chemnitz die Frankfurter Fans.
          Mit ihrem musikalischem Mix aus Punk, Rock und Indie begeistert die Formation aus Chemnitz die Frankfurter Fans. : Bild: Tom Wesse

          Nach zähem Aufstieg, wie sich der redefreudige Felix Brummer an frühere Auftritte in der Main-Metropole zuerst im Nachtleben, dann in der Batschkapp und schließlich in der Jahrhunderthalle erinnert, gelingt Kraftklub mit nunmehr wiederholtem Gastspiel in der Festhalle endgültig der Sprung in die Oberliga. Damit darf das ostdeutsche Quintett sich nicht nur in Sachen aufrührerische „Randale“ – schließlich lautet auch ein Songtitel so – als legitime Erben von den ohnehin stilistisch verwandten Punk-Ikonen Die Ärzte und Die Toten Hosen betrachten. Wobei das Kreativpotential des 2010 von den Brüdern Brummer alias Kummer – beides Söhne von Ina und Jan Kummer, Mitbegründer der DDR-Avantgarde-Gruppe AG – aus der Taufe gehobenen Kraftklubs nach vier Nummer-eins-Studioalben noch längst nicht ausgeschöpft sein dürfte.

          Show für mehrere Generationen

          Im gegenwärtigen Repertoire stehen sämtliche Songs des aktuellen LP-Werks „Kargo“ im Programm – das muss man sich als Band auch erst einmal trauen. Jeder der neuen wie auch älteren Titel erweist sich als hinreißend stimmiger Beitrag einer signifikant auf vehementes Abfeiern geeichten Formation.

          Zumal sich mit dem Vorprogramm Mia Morgan und Duo Blond (Lotta und Nina Kummer, die Schwestern von Felix und Till) auch noch Gäste integrieren und eine junge Dame aus dem Publikum am obligatorischen Song-Glücksrad drehen darf. So eindeutige Botschaften sprechen nicht nur jungen Fans direkt aus der Seele, sondern ziehen gleich mehrere Generationen in die hiesigen Großarenen. Dort steppt dann, wie in der Festhalle, der Bär. Im Innenraum, besonders im ersten Quadranten direkt vor der Bühne, werden auf Teufel komm raus in der Enge intensives Rempeln, Pogohüpfen, Ringelreihentanzen und Armschwingen exerziert. Selbstverständlich möchten die ganz Wagemutigen nicht auf Crowdsurfing verzichten – da hat die im Einsatz befindliche Security sprichwörtlich alle Hände voll zu tun.

          Als bemerkenswert erweist sich die Bühnenkulisse: Obwohl ungeheuer viel Platz im Areal wäre, spielt die Band eng nebeneinander am vorderen Bühnenrand, als wären sie noch immer in einem Klub zugange und ihnen die übergroßen Dimensionen noch nicht so ganz geheuer. Für die Songs „Kein Liebeslied“, „Bei Dir“ und „500 K“ gehen Kraftklub gar auf ziemlich innige Tuchfühlung. Von der Bühne herunter marschieren sie mit ihren Instrumenten quer durch die Menschenmenge in den zweiten Quadranten, spielen gar auf Augenhöhe inmitten der Fans. Per Crowdsurfing in Rolle vorwärts über die Köpfe der Zuschauer hinweg geht es zuletzt für die Brummer-Brüder zurück zur Bühne. Solche Gesten schätzt das Publikum sehr. Bis zum mit Konfetti und Luftschlangen aufbereiteten Finale steigert sich die kollektive Euphorie noch einmal in ein ungeahntes Ausmaß.

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