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Konzertkritik : Guter Junge im Kampf gegen den Teufel

  • -Aktualisiert am

Singt den Blues: Michael J. Sheehy in der Frankfurter Brotfabrik Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

Ein bisschen Eigensinn wäre schön: Michael J. Sheehy war in der Frankfurter Brotfabrik zu hören, wo er durch Bluesrocksümpfe watete.

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          Den britischen Sänger und Songschreiber Michael J. Sheehy einen geschichtsbewussten Mann zu nennen würde ihn sicher nicht beleidigen. In seiner kurzen, humorvollen Autobiografie erinnert er sich ausführlich an die eigene Kindheit und Jugend, in der Elvis mit Jesus konkurrierte und in der Sheehy schließlich vom Ministranten und Lourdes-Pilger zum Jünger eines wilden Rock-’n’-RollLebens konvertierte.

          In dieser mit Anekdoten gespickten Erzählung handelt der 1972 geborene Londoner seine musikalische Karriere mit einem einzigen lakonischen Absatz ab. Erfolge und Abstürze der vergangenen zwei Jahrzehnte, ob mit der einstigen Band „Dream City Film Club“ oder als Solist, erscheinen ihm heute offenbar weit weniger interessant als der ewige Kampf des heiligen Guten gegen allgegenwärtige teuflische Verführungen. Der Mythos des geplagten Sünders durchzieht auch die Songs seines jüngsten Albums „Ghost On The Motorway“ und passt zu jenem uramerikanischen Blues und Gospel, der Sheehys Musik maßgeblich prägt. Nun war er live in der Frankfurter Brotfabrik zu hören.

          Entschärfte Version von Tom Waits

          Als wäre er im Mississippi-Delta aufgewachsen oder zumindest seit Jahren in den Sümpfen zu Hause, folgt Michael Sheehy den dort etablierten Vorlagen. Jegliche Moderne hält er absichtsvoll aus seinen Arrangements heraus. So klingt das Sextett live noch mehr als im Studio wie ein Relikt aus mystisch verklärten Zeiten, zumal der instrumentale Variationsreichtum der CD auf der Bühne nicht erreicht wird.

          Die persönliche Handschrift des Briten liegt folglich kaum in einem klar identifizierbaren Sound, eher noch in der Verbindung von sentimentalen bis düster-pathetischen Texten mit zuweilen irritierend konträrer Musik. Das jammervolle Anti-Liebeslied „Curse The Day“ lockt mit trügerisch eingängiger Melodie und lockerem Swing, die pessimistische Ballade „Bloody Nose“ verkleidet sich in zuckrigen Country-Motiven. Hingegen wirken das dramatische „Crawling Back To The Church“ oder die wüste Geschichte in „New Orleans“ wie leicht entschärfte Versionen des ruppig-trunkenen Tom Waits. Herausragend intensive, leise Songs wie „Torriano Avenue“ oder „Company Man“ bleiben live auf der Strecke. Die konsequente Annäherung an die Genreklassiker verführt Sheehy mitunter auch zu musikalischen Platituden und abgegriffenen Metaphern.

          Harmonisch ist der Deltablues nicht besonders anspruchsvoll, viele Riffs und Phrasen der E-Gitarren erscheinen mithin ebenso vertraut wie die Pickings des Banjos oder sinnfällige Akkorde des Harmoniums, wenn es mal wieder um Tod und Teufel geht. In Frage-Antwort-Satzgesängen wird Sheehy stimm- und vibratogewaltig von den beiden Damen und manchmal auch den Herren seiner Band unterstützt, angefeuert vom dynamischen Schlagzeuger. Anfangs erzeugt das Sextett wie im Ur-Blues nur mit Klatschen oder Rasseln, Bass-Drum und stoischen Mustern einen unwiderstehlichen Groove, später tendiert es immer stärker zu rauhem Rock, dazwischen klagt auch mal eine Slidegitarre.

          Zitierfreudiger Traditionshüter

          Zwischen mysteriös verhallten Riffs und raunender Emphase, lauernder Energie und unausweichlichen Eruptionen scheint so manche Ikone der Country- und Bluesrock-Geschichte zu schweben. Sie könnte jederzeit in diese ebenso lebendige wie präzise inszenierte Session einsteigen. Zweifellos entwickelt der zitierfreudige Traditionshüter Michael J. Sheeny einige große Momente. Umso besser stünde ihm ein wenig mehr musikalischer Eigensinn zu Gesicht.

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