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Konzert : Noch ein weiter Weg bis zum Olymp

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Im vorigen Jahr kam es über uns wie von antiken Gottheiten gesandte Plagen. Nach anglo-amerikanischem Vorbild sucht seither auch Deutschland den Superstar. Mit dem nicht ganz neuen Konzept perfektionierte ...

          Im vorigen Jahr kam es über uns wie von antiken Gottheiten gesandte Plagen. Nach anglo-amerikanischem Vorbild sucht seither auch Deutschland den Superstar. Mit dem nicht ganz neuen Konzept perfektionierte RTL, die unangefochtene Nummer eins unter den Privatfernsehsendern, die windschnittigste unter den zahlreichen Castingshows und sendete das über Monate sich hinziehende Entertainment-Vergnügen mit Rekordeinschaltzahlen zur samstäglichen Prime Time. So weit, so gut. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das vermeintliche Unterhaltungspaket als clever verpackte Marketing-Strategie der Tonträger-Industrie. In Zeiten weltweiter Rezession muß eben alles schneller funktionieren: Wurde früher Nachwuchstalenten ein sogenanntes mehrjähriges Artist Development zuteil, ist die Kulanzzeit, bis der Rubel in Millionenhöhe rollt, heute auf wenige Monate begrenzt.

          Mit den Superstars verhält es sich dabei ein wenig wie mit dem Irak-Krieg - sie flimmern nahezu täglich über die Fernsehbildschirme und sind doch so weit weg. Momentan sieht es so aus, als ob das der Menschenwürde nicht gerade dienliche Projekt trotz scharfer ethischer wie moralischer Bedenken weiterhin auf Erfolgskurs zielt. Nahezu sämtliche Protagonisten gelangten in die Media Control Charts, und die Hysterie hält auch bei der im September gestarteten zweiten Staffel dank medialer Multiplikatoren weiter an. Ad absurdum geführt wurde der überkandidelte Zirkus jedoch durch einen nunmehr 18 Jahre alten Kandidaten aus dem niederbayerischen Eggenfelden, der, obwohl nur Dritter im fröhlich-talentfreien Ränkespiel, mittlerweile zumindest quantitativ alle Teilnehmer überrollt hat. Am "Superstar der Herzen" scheiden sich die Geister: Genie oder Scharlatan? Nervensäge oder begnadeter Entertainer? Bei seinem ersten Solo-Gastspiel im Rhein-Main-Gebiet heißt es für Daniel Küblböck nun Farbe zu bekennen.

          In der Offenbacher Stadthalle herrschen, neben juveniler Aufregung und emsigem Treiben wie im Bienenstock, vorwiegend positive Energien - zumindest bei denen, die sich in vordere Reihen der Bühne drängen konnten. Dort wird er gleich herniederkommen, jener Messias des frühen dritten Jahrtausends, der seine Anhänger schon im Vorfeld zu regelmäßig ausgestoßenem Glucksen, Jauchzen und diversen Ohnmachtsanfällen stimuliert. Ganz nahe dürfen die Fans jenem androgynen Kindmann sein, der vor mehr als zwölf Monaten noch eine Ausbildung als Kinderpfleger absolvierte. Als der kürzlich zum "Brillenträger des Jahres 2003" Gekürte dann schließlich in gewohnt schriller Kostümierung auftaucht, scheint es die Welt irgendwie aus den Angeln zu heben. Schon nach wenigen Minuten entsteht der Eindruck, einer religiösen Sektenveranstaltung im Stile der amerikanischen Evangelisten beizuwohnen. Die grellbunte Bubblegum-Show mit viel pyromanischem Rauch, heißen Choreographien einer Tanztruppe und einem erstklassigen Begleitensemble, abgerundet durch ein wenig Zauberei der Marke Illusionismus für Erstsemester, läßt denn auch keine Entertainment-Wünsche offen. Unterhalten, das kann er tatsächlich, der nach eigenem Bekunden bisexuelle Wunderknabe. Zwar trifft er bei seinem schmalen Repertoire nur jeden fünften Ton korrekt, doch dafür kredenzt er zuhauf Fühlgut-Parolen und präsentiert stolz Fotos aus der desolaten Kindheit genauso überdimensional, wie er anscheinend auf seine vorwiegend kindliche Klientel wirkt.

          Vielleicht aber darf Küblböck gar nicht am internationalen Künstlerstandard gemessen werden? Stimmlich zwar schon um einige Nuancen besser als bei der Superstar-Tournee im Frühjahr, dürfte es dennoch ein langer Weg in den Rock-Olymp sein. MICHAEL KÖHLER

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