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Konzert : Heute hier, morgen dort

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Lieblingsstimmung Melancholie: Hannes Wader Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

In seinen Texten erinnert er an Zeiten voll von revolutionärem Pathos. Seine Botschaften verpackt er in wundersame Geschichten: Der Liedermacher Hannes Wader in der Alten Oper.

          „Daß nichts bleibt, wie es war“ - der lyrischen Quintessenz seines wohl populärsten Songs fühlt sich der 1942 geborene Hannes Wader noch immer verpflichtet. In atemraubender Geschwindigkeit zupft der drahtig-hagere Bartträger die Akkorde von „Heute hier, morgen dort“ als Einleitung eines etwa zweistündigen Gastspiels im Mozartsaal der Frankfurter Alten Oper.

          Kollektives Nostalgiegefühl im Auditorium, wenn der Komponist und Texter in betont schlichter Kleidung die sonore Stimme erhebt und an stürmische Zeiten erinnert, die zwar nicht besser, aber zumindest voller Utopien und kämpferischer Stimmung waren. Der ehemals heftig polarisierende Liedermacher kann es sich leisten, einen Trumpf wie den Song über die vielfältigen Eindrücke, die einem wie ihm im unsteten Tourneeleben begegnen, gleich am Anfang auszuspielen - er hat noch viele davon parat.

          Oft kopiert, und doch selten erreicht: Hannes Wader gibt sich charmant offensiv. So offen und nah, wie ein introvertierter Gefühlsmensch es sich eben gerade noch leisten kann, geht er auf sein Publikum zu. Es wirkt es nicht aufgesetzt oder gar kokett, wenn das einstige DKP-Mitglied „Melancholie als seine Lieblingsstimmung“ bezeichnet.

          Versponnene bis harsche Poesie

          Ein Künstler muß so sein, denken wohl die in inniger Zuneigung zum Idol aufschauenden Konzertbesucher im zumeist gesetzteren Alter. Sie genießen die wohltemperierte Balance aus Momenten des Wiederentdeckens genauso wie die wenigen neuen Lieder. Selbst dann, wenn die Stimme beim Vortrag der versponnenen bis harschen Poesie an mancher Stelle brüchig klingt und den Elan des revolutionären Zeitgeists von einst vermissen läßt.

          Noch einmal „Unterwegs nach Süden“ sein - Wader weiß um die Sehnsüchte seiner Fans, gibt ihnen aber nur sporadisch nach. Lieber reist er als Jugendlicher anno 1958 zum Abenteuerausflug „nach Hamburg“ oder als Erwachsener rund zwanzig Jahre später ins triste Portland, Oregon. Zwischen den Liedern stimmt er immer wieder seine drei wechselnden Gitarren mit der Präzision eines Uhrmachers nach, nimmt sich aber auch Zeit, aus seinem wohl nicht immer einfachen Leben zu erzählen.

          Vergißt pflichtbewußt auch nicht, einen knapp einjährigen Aufenthalt in Frankfurt im Jahr 1967 zu erwähnen, wo er als Layouter der Satirezeitschrift „Pardon“ in Lohn und Brot stand. Heikle Themen aus der eigenen Biographie umgeht er nonchalant. Da läßt er lieber seine geschmackvollen Vertonungen von Eichendorffs „Wandern lieb ich für mein Leben“ oder Nietzsches „Vereinsamt“ erklingen.

          In Erinnerungen schwelgen

          Eindeutiger in der politisch linken Ecke hausen Lieder wie „Milliardäre“ und der auf die aktuelle Situation umgedichtete Klassiker „Trotz alledem“. Subtil bezieht Wader Stellung - der früher oft erhobene Zeigfinger bleibt allerdings unten. Mehr denn je versteht sich der ehemalige Besitzer einer Windmühle in Schleswig-Holstein als Alleinunterhalter, der seinen Beruf ernst nimmt.

          Seinen Biß hat der Barde mit dem besonderen Faible für Bluegrass nicht verloren, seine Verbissenheit allerdings schon. Er kann es sich erlauben zu politisieren, ohne zu polemisieren. Seine Botschaften verpackt er in wundersame Geschichten. Eher störend für seine künstlerische Entwicklung empfindet er es, wenn die Zuhörer nur in Erinnerungen schwelgen möchten - auch wenn sich als Zugeständnis ein vielumjubelter Dauerbrenner wie der textlastige „Rattenfänger“ wieder im Repertoire befindet.

          Ein probates Mittel gegen die reine Nostalgie derer, die immer dieselben Lieder hören wollen, steckt ausgerechnet in der eigenen Vergangenheit: In ellenlangen Versen erzählt er die Geschichte der Familie Wader mit sozialdemokratischen Wurzeln im beschaulichen Hoberge bei Bielefeld. Von Ende des 19. Jahrhunderts bis nach dem Zweiten Weltkrieg zieht sich die Chronik - das ist nicht ohne Reiz, macht Historie auf persönliche Weise nachvollziehbar, erfordert aber auch geduldiges Sitzfleisch.

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