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Konzert : Ehebruch als Imagepflege

Der Ehebruch mit der verehrten und besungenen Adelsfrau gehörte bei den Sangesstars des Mittelalters offenbar zur Imagepflege - wie bei einem Konzert mit Musik der provenzalischen Troubadours und dem Clemencic Consort zu erfahren war.

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          Damit er mit seinem Gesang nicht das Festbankett stört, darf Troubadix am Schmaus zur Feier der bestandenen Abenteuer nicht teilnehmen. Das übliche Schlußbild der Asterix-Comics zeigt den armen Barden meist am Rand, gefesselt und geknebelt. Ganz so weit ist das womöglich gar nicht hergeholt - zumindest wenn man Troubadix als einen verfrühten Troubadour sieht und an eine reale Gestalt dieser Zunft denkt, die von etwa 1150 bis 1220 die Welt mit seiner Kunst beglückte: „Er sang schlechter als irgend jemand sonst auf der Welt; aber er machte sehr gute Melodien und gute Texte.“ Das erfuhr man über Gaucelm Faidit bei einem Konzert mit Musik der provenzalischen Troubadours und dem Clemencic Consort im Kloster Eberbach beim Rheingau Musik Festival.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Unter dem Titel „Chantar d'Amors“ hatte Rene Clemenic, der Gründer und Leiter des in variabler Besetzung auftretenden Ensembles für Alte Musik, dafür nicht nur überlieferte Gesänge arrangiert, sondern auch die Lebens- und Liebesgeschichten der Troubadours als Textblöcke in das nahtlos durchgestaltete Programm eingebaut. Diese von ihm übersetzten und in durchaus passend märchenhaftem Ton rezitierten „Vidas“ lösten beim Publikum im Laiendormitorium teils Erstaunen aus: Der Ehebruch mit der verehrten und besungenen Adelsfrau gehörte bei den Sangesstars des Mittelalters offenbar zur Imagepflege - vom „geraubten Kuß“ an steigerungsfähig. Glaubt man den stilisierten Lebensläufen, so lebten die Troubadours damit gefährlich. Ein gehörnter Ehemann habe seine Frau das gebratene und mit Pfeffer gewürzte Herz ihres Verehrers in Unkenntnis verzehren lassen, wie zu hören war. Andere tollkühne Liebessänger nahmen lieber gleich Zuflucht im Kloster.

          Daß es sich wohl meist um originelle Burschen unterschiedlichen Standes handelte, die ihre Kunst eher als Autodidakten vom Müssen als vom artifiziellen Können herleiteten, vermittelte der 1928 geborene Flötist und promovierte Philosoph Clemencic mit seinen fünf Mitspielern an diesem Abend einprägsam. Gleich die Liebesklage des „Lerchenlieds“ (“Can vei la lauzeta mover“) trug der Sänger und Radleier-Spieler Rene Zosso etwa in rauhem, straßenmusikantischem Ton vor. Gerade dieses Schlichte, aber Urwüchsige sprach für die Arrangements, weit entfernt von Mittelalter-Ethno-Pop mit Dauergetrommel und dicker Besetzung. Das Improvisatorische kam dabei nicht zu kurz. Markante, im modernen Sinne geschulte Stimmen brachten Tamas Kiss und der Contratenor Markus Forster ein. Die Multi-Instrumentalisten Marco Ambrosini (Schüsselfidel, Dudelsack, Schalmei, Muschelhorn) und der auch mit anspruchsvollen Soli aufwartende Percussionist Esmail Vasseghi sorgten dazu für klangfarbliche Abwechslung.

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