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Konzert : E bissi loggä, aber chronologisch

Es hätte auch ein in positiver Weise lehrreicher Abend werden können - aber es war ein exemplarischer Veranstaltungs-Wirrwarr. Mit einem Trio in einer Mainzer Kirche.

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          Kurz vor dem Konzert müssen den drei Musikern des namenlosen Ensembles Zweifel gekommen sein: Wurde nicht Johann Quantz (oder wie hieß der genau?) vor Johann Sebastian Bach und Georg Philip Telemann geboren? Und wäre es daher nicht besser, dessen Trio, das an fünfter Stelle des Programms vorgesehen war, erst zu spielen, dann das an sechster Stelle geplante Telemann-Werk vorzuziehen und erst danach zum ursprünglich falsch kalkulierten Beginn mit Bach vorzudringen? Ja, so mußte es sein.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine spontan eingelegte Pause, in der sich die Zuhörer nach diesen drei Beiträgen laut Ansage „e bissi loggä“ machen sollten, gab Gelegenheit zum Nachstimmen des Cembalos und zum weiteren Nachdenken: Könnte man das Publikum nicht noch mehr für sich gewinnen, wenn man ihm von der „Optimierung“ nun Kenntnis gäbe?

          Programmblatt „nicht ganz richtig“

          Also trat Christiane Palmen, Soloflötistin der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, vor und erläuterte: Die Abfolge auf dem Programmblatt sei „nicht ganz richtig“, nämlich nicht chronologisch, und die Phantasie von Telemann, die sie eben gespielt habe, sei für Flöte solo und nicht für Flöte und Violine, dann sei „natürlich“ die Triosonate aus dem „Musikalischen Opfer“ von Bach erklungen. Jetzt gehe es weiter: Wie eigentlich? Jedenfalls erst mal mit den Bach-Söhnen.

          Spätestens damit war der Blick auch der bis dahin unvoreingenommen genießenden Zuhörer in der schönen Barockkirche St. Ignaz in Mainz auf das (hier teilweise abgedruckte) Programmblatt gelenkt, das kunstvoll mehrere Stile in sich vereint: Barock erscheint der Kopf der Seite mit der stolzen Nennung des Veranstalters, der renommierten Mainzer Konzertdirektion, mit allen nötigen Hinweisen, Bankverbindung und Gerichtsstand indes diskret zum Fuße verbannt.

          Von neuzeitlich gereinigtem Stil zeugt ebenso die Werkfolge. Damit sie nicht mehr als etwa ein Drittel der Seite einnimmt, sind alle überflüssigen Angaben weggelassen. Schnörkelige Mehrfach-Vornamen von Komponisten wurden auf ein heute erträgliches Maß reduziert, Satzbezeichnungen ganz weggelassen, Opuszahlen, Werkverzeichnisnummern und Tonarten nur nach Gutdünken hinzugesetzt, „Dur“ grundsätzlich kleingeschrieben.

          ...hätte ein in positiver Weise lehrreicher Abend werden können

          Jorg D. Blank, Konzertmeister der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, und die Cembalistin Delia Stegarescu „überzeugten“ ihre Mitspielerin dann noch, daß vor Wilhelm Friedemann Bach (1710-1784) in der Reihenfolge erst Mozart (1756-1791) kommen müsse und sie bei dessen Sonate für Cembalo und Violine B-Dur KV 15 pausieren dürfe. Ein Kompromiß ward gefunden, indem vor Haydn nochmals Mozart zu Wort kam, wenn auch nur indirekt mit zwei Arien aus der „Zauberflöte“ in der Transkription eines ungenannten Bearbeiters der Mozart-Zeit, hier der Einfachheit halber schlicht als „Duo für Flöte und Violine“ bezeichnet.

          Ärgerlich war diese höchst unprofessionelle, im Konzertbetrieb immer mehr einreißende Art der Präsentation auch deshalb, weil das Programm an sich sehr interessant war. Es zeigte nämlich einmal in geballter Form, wie fließend die Grenzen zwischen Spätbarock, galantem Stil und Empfindsamkeit sowie Frühklassik und Rokoko, wie sie sich in den Frühwerken von Mozart und Haydn zeigten, in Wahrheit sind. Auch die musikalische Darbietung ließ von der Stilistik her, von den Phrasierungen, der Intonation und dem Zusammenspiel eigentlich kaum Wünsche offen. Es hätte bei sorgfältigerer Vorbereitung ein in positiver Weise lehrreicher Abend werden können.

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