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Konzert : Ausdrucksguerrilla

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Brüske Fans ißt sie zum Frühstück: Skin Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

Skin haucht und faucht, sie flüstert und schreit, sie im- oder explodiert - intensiver kann agitatorischer Postfeminismus nicht klingen: Die stimmgewaltige Amazone war zu Gast in der Frankfurter Batschkapp.

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          „Ein reizendes Kompliment - hast Du noch mehr davon?“ Souverän kontert die britische Sängerin Skin einen aus der Rolle gefallenen Fan. Gleich zweimal hatte der junge Mann die Künstlerin „Miststück“ genannt. Ein recht eindeutiges Schimpfwort. Doch die vermeintliche Beleidigung war gar keine. Seit einer ein paar Jahre zurückliegenden bundesweiten MTV-Kampagne gilt die auch auf T-Shirts zur Schau getragene Verbalinjurie von einst der jüngeren Generation als anerkennende Lobhudelei.

          Echte Verbalattacken ist Skin ohnehin gewohnt. Schließlich präsentiert sich bei ihrem einzigen Deutschland-Gastspiel in der Frankfurter Batschkapp kein zimperliches Nachwuchstalent, keine gecastete Sangesliese aus Dieter Bohlens Klonkatalog. Vom ersten gesungenen Ton an verströmt die bekennende Bisexuelle und eingefleischte Feministin die Aura einer militanten Stadtguerrillera, eine Attitüde, die durch das glattgeschorene Haupt und das zähnebleckende Lachen eines angriffslustigen Panthers noch unterstrichen wird.

          Burschikose Anarcho-Frontfrau

          Die Aggressivität kommt nicht von ungefähr. Wer im berüchtigten Londoner Stadtteil Brixton aufgewachsen ist, kennt nicht nur weit schlimmere Rüffel als „Miststück“, sondern auch handfeste Gewalt. Selbst dann, wenn man wie die heute 39 Jahre alte Deborah Anne Dyer, so Skins bürgerlicher Name, den sozialen Brennpunkt schon vor mehr als zehn Jahren hinter sich gelassen hat. Als burschikose Anarcho-Frontfrau des 2001 aufgelösten Post-Grunge-Quartetts „Skunk Anansie“ verkaufte sie vier Millionen Alben und kostete den Traum des sozialen Aufstiegs sechs Jahre lang mitunter bis zur Neige aus.

          Problemthemen ausklammern kann die stimmgewaltige Amazone wohl auch wegen dieser einschneidenden Lebenserfahrung nicht, wie ihr kurzweiliges, zwischen harschem Up-Tempo und melancholisch Balladeskem oszillierendes Repertoire zeigte. Heikle Themen vom privat Intimen bis zum kontrovers Öffentlichen sind die Triebfeder für das politisch und sozial engagierte Energiebündel mit der lukrativen Nebenbeschäftigung als Top-Model für Gucci oder Alexander McQueen. Verpackt in griffige Songformate knüpft vor allem der kompakte Auszug aus dem aktuellen Werk „Fake Chemical State“ nahtlos an Erfolge der Vergangenheit an. Und der eine oder andere Klassiker von „Skunk Anansie“ findet sich, von stürmischem Jubel begleitet, natürlich auch.

          „You're On Ecstasy, I'm On Herbal Tea“

          Mit einem auf sparsame Instrumentierung konditionierten Begleitquartett im Rücken macht Skin unmißverständlich klar, daß ihre nach dem Trennungsschmerz von „Skunk Anansie“ vergossenen Tränen getrocknet sind. Selbst die langwierige Abhängigkeit von gewissen illegalen Substanzen ist Schnee von gestern: „You're On Ecstasy, I'm On Herbal Tea“, singt sie nach Jahren des Drogen- und Medikamentenmißbrauchs gelassen selbstbewußt. Vergessen auch das introspektiv verkapselte Lamento und die düstere Agonie ihres enttäuschenden Solodebüts „Fleshwounds“.

          Die schräge Exotin mit den jamaikanischen Wurzeln und dem abgeschlossenen Studium der Innenarchitektur taucht wieder tief ein in aufwühlende Emotionen und versteht es, nicht nur mit ihrer alle möglichen Tonlagen meisternden Stimme zu polarisieren: sie haucht und faucht, sie flüstert und schreit, sie im- oder explodiert - intensiver kann agitatorischer Postfeminismus nicht klingen.

          Mit der Eigenverantwortung als Solistin kam auch die künstlerische Weiterentwicklung. Bei mehr als der Hälfte der Songs spielt Skin die E-Gitarre. Nicht nur oberflächliche Poserei, wie zuletzt bei Madonna gesehen, sondern richtig professionell und engagiert. Beim konzentrierten Spiel der Gibsons, Fenders und Rickenbackers vergißt sie für Minuten den umtriebigen Tausendsassa, den manischen Derwisch, der in ihr wohnt. „The Skin I'm In“ lautet eine im Angloamerikanischen geläufige Redewendung für jenen hilflosen Zustand, aus der eigenen Haut nicht herauszukönnen. Skin weiß um ihren tieferen Sinn, läßt dem wilden Tier in sich zur Zugabe freien Lauf und wirft sich furchtlos in die Meute. Für Minuten tragen unzählige Hände im Auditorium ihren gazellenhaft schlanken Körper. Ein wunderbarer Augenblick.

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