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Komponistinnen in Männerdomäne : Wege voller Hindernisse

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Hüten und Teilen: Konzertgitarristin Heike Matthiesen ist Vorstandsmitglied im Archiv Frau und Musik. Bild: Wolfgang Eilmes

Komponistinnen und ihr Werk standen Jahrhunderte im Schatten männlicher Kollegen. Das Archiv Frau und Musik in Frankfurt engagiert sich für sie und erhält nun Landesmittel.

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          Nicht nur Tiere und Pflanzen können auf die Rote Liste geraten. Seit fünf Jahren hat auch das Frankfurter Archiv Frau und Musik, eine einmalige Einrichtung, die zweifelhafte Ehre, auf der Roten Liste bedrohter Kultureinrichtungen zu stehen. Und das, obwohl nicht nur die engagierten Musikerinnen und Forscherinnen rund um das Archiv es als wahre Schatzkammer bezeichnen. Trotz der coronabedingten Einbußen hat sich dieses Jahr aber doch etwas geändert für das Archiv: Es bekommt 95.300 Euro aus dem Landeshaushalt für 2020; ebenso wie die Frankfurter Kinothek Asta Nielsen und das Archiv der Frauenbewegung in Kassel zählt es damit zu den Projekten, die besonders gefördert werden. In der öffentlichen Wahrnehmung und Förderung seien Künstlerinnen noch immer oft unterrepräsentiert, hatte Kunstministerin Angela Dorn (Die Grünen) den Schritt begründet. Auch das künstlerische Erbe von Frauen müsse besser bewahrt, erschlossen und vermittelt werden.

          Eine Aufgabe, der sich die Mitarbeiterinnen des Archivs seit nun mehr als vierzig Jahren verschreiben. Frauen hätten zwar weite Teile des Musiklebens getragen, seien aber nicht als Komponistinnen in Erscheinung getreten, wunderte sich Sophie Drinker (1888–1967) schon 1948 in ihrem Buch „Music and Women: The Story of Women in Their Relation to Music“. Es dauert noch dreißig Jahre, bis sich daran etwas ändern sollte. Die Dirigentin Elke Mascha Blankenburg (1943–2013) begab sich mit etlichen Mitstreiterinnen um 1977 ausdrücklich auf die Suche nach Komponistinnen und fand erstaunlich viele. Neben Clara Schumann, Fanny Hensel und Lili Boulanger etwa Francesca Caccini (1587–1640), Elisabeth Jacquet de La Guerre (1665–1729) oder Felicitas Kukuck (1914–2001). Felix Mendelssohn Bartholdy veröffentlichte Kompositionen seiner Schwester Fanny unter seinem Namen. Im Kern sagte er damit: Deine Stücke sind gut. Aber Musik von Frauen will keiner kaufen. Unter solchen Umständen blieben unzählige Komponistinnen unbenannt und unbekannt.

          Noch kritischer zu beäugen

          Doch inzwischen birgt das Archiv Frau und Musik Werke von rund 1900 Komponistinnen aus 52 Nationen, vom 9. bis ins 21. Jahrhundert. Der Weg dahin war lang. 1977 rief Blankenburg in ihrem Aufsatz „Vergessene Komponistinnen“ dazu auf, einen Arbeitskreis zu gründen, um Kompositionen von Frauen „auszugraben und aufzuführen“. Mehr und mehr Komponistinnen, Dirigentinnen, Interpretinnen und Wissenschaftlerinnen suchten in Bibliotheken, Archiven und Nachlässen nach Kompositionen von Frauen und brachten sie zur Aufführung.

          Die Fachwelt reagierte darauf mal begeistert, mal schien sie die Werke jedoch noch kritischer zu beäugen als die männlicher Kollegen, die dem Repertoire auch nicht immer nur Unentbehrliches hinzufügen. Von ihrem Können her waren Frauen im 19. Jahrhundert oft erstaunlich gut ausgebildet. Julian Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Archiv, rühmt die „ausgefeilte Harmonik Fanny Hensels, besonders in den späten Chorwerken“. Doch manchen Komponistinnen war anzumerken, dass ihr Weg zu profunder musikalischer Bildung nicht einfach war.

          Insbesondere an diesem Punkt konnte der Arbeitskreis viel bewegen und tut es in eigenen Veranstaltungen bis heute. In Zusammenarbeit mit dem Institut für zeitgenössische Musik (IzM) an der Frankfurter Musikhochschule fördert er junge Komponistinnen durch das Arbeitsstipendium Composer in Residence. Im vergangenen Jahr konnte die mexikanische Komponistin Tania Rubio damit für ein paar Monate in Frankfurt arbeiten. Nun macht Corona alle Begegnungen fürs Erste unmöglich, das Archiv ist seit Monaten für den Alltagsverkehr geschlossen.

          Dabei ist es dieser Ort, das Archiv in den „hoffmanns höfen“, wo der Arbeitskreis die Wertschätzung gegenüber zu Unrecht vergessenen Komponistinnen wie Emilie Mayer (1812–1883), Luise Adolpha Le Beau (1850–1927) oder Ethel Smyth (1858–1944) zum Ausdruck bringt und Wissen über lebende Kolleginnen vermittelt, wie Barbara Heller (geboren 1936) oder Vivienne Olive (geboren 1950).

          Ein Stab qualifizierter, teils ehrenamtlich tätiger Mitarbeiter erschließt Funde, Nachlässe und Schenkungen fachgerecht und macht Noten, Tonträger, Werkanalysen, Sekundär- und „graue“ Literatur in übersichtlichen Regalen und Vitrinen, aber auch digital über das Deutsche Frauenarchiv für eine breite Öffentlichkeit verfügbar. Sie beraten bei der Programmplanung, unterstützen Musiklehrer beim Finden geeigneter Unterrichtsstoffe oder empfehlen Noten zum Üben. Zu den besonderen Schätzen des Archivs gehören Erstdrucke und Autographe, darunter Briefe von Clara Schumann. Neben Klassik gibt es auch Beiträge zu Rock, Pop, Jazz, Chanson und Weltmusik. „Aber nur, wenn sie von Frauen komponiert wurden“, betont Gitarristin Heike Matthiesen, eine der Vorstandsfrauen des Internationalen Arbeitskreises.

          Die Bremer Mariann Steegmann Foundation und die Frankfurter Maecenia Stiftung fördern zwar einzelne Projekte. Doch für den laufenden Betrieb müssen aufwendig Drittmittel eingeworben werden. „Lobbying für Frauen in der Musik ist für mich eine zentrale Lebensaufgabe“, sagt Dirigentin und Vorstandsfrau Mary Ellen Kitchens. „Von den Werken, die derzeit in Abonnementkonzerten erklingen, stammen nur zwei Prozent von Komponistinnen.“ Auch gilt noch immer die Bitte, mit der Blankenburg ihren Aufsatz von 1977 beschloss: genau hinzuhören, wenn eine Frau Musik macht. „Sie hat einen hindernisreichen Weg hinter sich.“

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