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Museum für Kommunikation : Zukunftshoffnungen des Homo sapiens

Das nennt man „Crossover-Utopie“: Der amerikanische „Convaircar“ von 1948 funktionierte einwandfrei, ging aber mangels Nachfrage nie in Serie. Bild: Picture Library / Alamy Stock

Die Schau „Back to Future“ im Museum für Kommunikation erzählt von vergangener Zukunft. Vorerst nur online sind technische Visionen früherer Zeiten in vier großen Themengebieten dargestellt.

          2 Min.

          Wahr oder falsch? 1948 wurde ein Hybridfortbewegungsmittel entwickelt, das halb Flugzeug, halb Automobil war und tatsächlich funktionierte. Stimmt. Zwei Exemplare davon wurden hergestellt. In den Sechzigern hat die Deutsche Post mit Hilfe von Kameras und Fernsehapparaten die Bildschirmtelefonie eingeführt. Richtig. Das Experiment wurde allerdings bald abgebrochen, weil die dafür notwendige Technik schlicht unerschwinglich war. Aber wurden nicht schon, kurz nachdem Alexander Graham Bell das Telefon erfunden hatte, bewegte Bilder übertragen? Nein. Aber das Bedürfnis danach war offensichtlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ungemein stark. Sich über weite Distanzen verständigen zu können, Szenen von der anderen Seite der Erde im bürgerlichen Salon zu empfangen: das gehörte zum utopischen Ideal, seit der wissenschaftlich-technische Fortschritt die unglaublichsten Möglichkeiten eröffnete.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Ausstellung „Back to Future. Technikvisionen zwischen Fiktion und Realität“ im Museum für Kommunikation gibt, derzeit aus bekanntem Grund ausschließlich online, Einblicke in vier große Themengebiete, auf die sich die Zukunftshoffnungen des Homo sapiens teils schon in der Antike, verstärkt in der Renaissance und schließlich besonders intensiv seit dem Zeitalter der Industriellen Revolution richteten. Am Mittwochabend wurde die Schau eröffnet, rein digital versteht sich, und damit mittels einer Technik, von der frühere Generationen schon längst geträumt hatten, ohne freilich zu ahnen, dass alles einmal auf Nullen und Einsen basieren würde. Aber die „Grenzenlose Kommunikation“, so der Titel einer der vier Themenräume, war als Wunsch schon früh vorhanden. Ebenso die Idee, eines Tages mühelos zu lernen, die unter die Rubrik „Menschenoptimierung“ fällt: Der „Nürnberger Trichter“ mochte noch als Scherz gemeint sein, mit dem Aufkommen von modernen Speichermedien jedoch war allen Ernstes die Erwartung verbunden, sich gleichsam im Schlaf Fremdsprachen und anderes, was man sich sonst mühsam erarbeiten muss, über das „Unterbewusstsein“ einzuprägen.

          In der Ausstellung wird ein Gerät gezeigt, das etliche Platten abspielen konnte, um dem Schlafenden Wissen zu vermitteln. Das hat leider nicht geklappt. Den Versuch war es wert, zumindest für die Hersteller solcher Apparate. Um Cyborgs geht es in dieser Abteilung der Schau ebenso wie um die Unsterblichkeit. Daran muss noch gearbeitet werden, auch wenn einige wohlhabende Leute glauben, sich durch Einfrieren in eine Zukunft katapultieren zu können, in der ihre Todesursache dank des medizinischen Fortschritts rückgängig gemacht werden kann.

          Wahr oder falsch?

          Da waren die Tüftler und Phantasten schon näher an der Wirklichkeit, als sie mit imaginierten Transportmitteln zu Wasser, Luft und Land die „Überwindung von Raum und Zeit“ in Angriff nahmen – der dritte große Themenkomplex. Ein Hinweis auf Leonardo da Vinci darf nicht fehlen: Er war der Erste, der ein Roboter-Auto skizziert hat. Der Gedanke des autonomen Fahrens stammt also schon aus dem 15. Jahrhundert. Beamen, Zeitreisen, die enge Verbindung zwischen Science-Fiction und Wissenschaft: auch darum geht es hier. „Suche nach einer anderen Welt“ ist der vierte Themenraum überschrieben, der vom fiktiven und realen Aufbruch ins All und unter Wasser erzählt. Nicht nur die Amerikaner, auch die Deutschen haben einst Forschungsstationen auf dem Meeresboden errichtet.

          Asteroid? Kartoffel! Antonia Hirsch, „Cosmic Nightshade“, 2014
          Asteroid? Kartoffel! Antonia Hirsch, „Cosmic Nightshade“, 2014 : Bild: Toni Hafkenscheid

          Wahr oder falsch? Die Künstlerin Antonia Hirsch zeigt in ihrer Fotoserie „Cosmic Nightshade“ Asteroiden. Echte? Und wie hat sie die bloß aufgenommen? Tatsächlich handelt es sich um Kartoffeln. Um den Kosmos zu entzaubern, der immer mit höheren Welten in Verbindung gebracht wird. Die Arbeiten sind eine von sieben künstlerischen Positionen, die als „poetische Umwege“ in die Schau eingestreut sind. Und sich mit den einzelnen Themen aus einer anderen Perspektive beschäftigen. Spielerisch. Kritisch. Das Ausstellungsteam hat die Internet-Eröffnung lebendig und anregend gestaltet, es macht Spaß zuzusehen: Sie lässt sich etwa auf Youtube abrufen. Und über die Website des Museums (www.mfk-frankfurt.de) gelangen Besucher zu allerlei Ausstellungsinhalten. Wobei sie, was real im Museum nicht erlaubt wäre, auch zu dem einen oder anderen Getränk greifen dürften.

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