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„König Roger“ : Hypnose aus dem Orchestergraben

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Zwischen all den Göttern fällt so ein neuer Kult kaum auf: „König Roger” am Staatstheater Mainz.
          3 Min.

          Strawinskys lakonische Feststellung, es gebe keine Kunst ohne Pass, hat zu manchem Fehlurteil geführt. Und zu manchen bissigen Glossen, wie der Adornos über Jean Sibelius, der weniger als eigenständiger Komponist hervorgetreten sei, sich vielmehr um die musikalische Kolonisierung seines Heimatlandes Finnland Verdienste erworben habe. Dabei haben alle bedeutenden Künstler – Strawinsky nicht minder – volksmusikalische Elemente ihrer Heimat transzendiert. Wer wollte allen Ernstes Bartók an seinen ungarischen, Chopin an seinen polnischen Tanzrhythmen und Tschaikowsky an seiner russischen Seele messen.

          Auch Karol Szymanowski, lange Zeit nicht seinem musikalischen Rang entsprechend gewürdigt, lässt sich kaum angemessen von einer polnischen Perspektive beurteilen. Dafür hat der Komponist zu viele Stilelemente seiner Zeit zu einer persönlichen Handschrift amalgamiert. Und sich an zu vielen kulturellen Wirkungskreisen interessiert gezeigt: am polnischen, deutsch-österreichischen, arabisch-persischen, antik römischen, frühchristlichen und nicht zuletzt an allen Kunstströmungen seiner Zeit.

          Üppig wuchernde Orchesterstimmen

          Vieles davon wird hörbar in seinem Hauptwerk, der dreiaktigen Oper „König Roger“, 1926 in Warschau in jener turbulenten Ära uraufgeführt, die musikalisch durch den Jazz und die Zeitoper etwa eines Kurt Weill, Ernst Krenek und Paul Hindemith gekennzeichnet ist. Wie sehr sich Szymanowskis Oper in ihrer Eigenständigkeit neben solchen Werken behaupten kann, wurde jetzt wieder einmal am Mainzer Staatstheater demonstriert, das sich auf bemerkenswerte Art der anspruchsvollen Aufgabe unterzog, das selten gespielte Werk auf die Bühne zu bringen.

          Anspruchsvoll ist „König Roger“ vor allem musikalisch, und nicht nur in seinen wenigen Bühnenrollen, vielmehr in seinen üppig wuchernden Orchesterstimmen und einem stets changierenden Klangkolorit, das bisweilen – vor allem im zweiten der drei pausenlos gespielten Akte – eine nahezu hypnotische Sogkraft entwickeln kann. Dafür verantwortlich ist vor allem eine moderne Tonsprache, die aus einem natürlich fließenden Melos entwickelt wurde und trotz aller expressiven Klangballungen nie in scharfkantigen Kontrasten kulminiert. Das von dem jungen Solti-Preisträger Andreas Hotz sicher geleitete Philharmonische Staatsorchester Mainz – nebst dem bestens einstudierten Chor des Staatstheaters sowie des Knabenchors des Mainzer Doms – bot eine Glanzleistung, aus der die Holzbläser noch hervorstachen. Es war auch insofern bemerkenswert, als Hotz das Orchester oft souverän ausspielen ließ, als habe Szymanowski im Grunde alle Taktstriche aus seiner Partitur eliminieren wollen, um ein freies Melos zu garantieren.

          Bemerkenswertes Theaterereignis

          Auch wenn für „König Roger“ die Figur Rogers II., des Begründers des sizilianisch-süditalienischen Normannenstaates im zwölften Jahrhundert, Pate stand, so handelt es sich bei Szymanowskis Auseinandersetzung mit dem Sujet doch keineswegs um ein Historiendrama. Der Komponist selbst sprach von einem Mysterienspiel um den Herrscher Roger, dessen Volk von einem fremden Hirten zu einer Religion der Liebe verführt wird, die sich letzten Endes als staatsfeindliche Bewegung eines androgynen Dionysos-Kultes erweist.

          So tun der Regisseur Joan Anton Rechi, sein Bühnenbildner Alfons Flores und der für die Kostüme verantwortliche Moritz Junge gut daran, die handlungsarme Oper nicht mit großen orgiastischen Aktionen, Nebenschauplätzen und wohlfeilen Aktualisierungen zu überfrachten. Die Bühnenaktionen von der Ankunft des Hirten über die eher stilisierte Gerichtszene bis zur Konversion des Volkes für die neue Religion finden zwischen einem vom Bühnenhimmel herabhängenden, alle möglichen Kulte symbolisierenden Sammelsurium von Statuen statt, scheinen aber stets durch die musikalisch verdichteten seelischen Konflikte motiviert zu sein.

          Es wäre weniger überzeugend gewesen, hätte dem Inszenierungsteam nicht ein engagiertes Sängerensemble zur Verfügung gestanden, das durch überdurchschnittliche Leistungen die Neuproduktion zu einem bemerkenswerten Theaterereignis werden ließ. Das gilt vor allem für Susanne Gelb, deren nie forcierte stimmliche Strahlkraft als Rogers Gattin Roxane nichts von einer gesundheitlichen Indisposition erkennen ließ. Es galt aber auch für die männlichen Partien, den noblen Bariton von Heikki Kilpeläinen in der Titelrolle, den schon vor Jahren in Salzburg als schmeichlerischer Hirte glänzenden Tenor Ryszard Minkiewicz sowie Alexander Kröner als arabischer Gelehrter Edrisi.

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