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Klezmer-Musik : Musik der Freude und der Trauer

Hejmisch und hip: Plattencover von Zev Feldman und Andy Statman Bild: Jüdisches Museum Frankfurt

Die einen denken an Giora Feidman, die anderen an eine versunkene Kultur: Was Klezmer ist, zeigt eine Ausstellung im Jüdischen Museum - mit begleitenden Konzerten.

          Klezmer - die Musik der Juden. Schon falsch. Denn es gibt keine jüdische Musik, vielmehr viele Richtungen und Stile. Klezmer - die Musik der Klarinette. Wieder falsch. Diese Musik läßt sich nicht auf Giora Feidman reduzieren. Nicht nur, daß Feidman, der hierzulande als Inbegriff des Klezmer gilt, auch Tango oder Jazz spielt. In der Klezmer-Musik wurden und werden die verschiedensten Instrumente eingesetzt: die Geige, von den Musikern Fiddel genannt, historisch betrachtet wohl die Prima, aber auch die Flöte, die Schalmei, die Oboe, das Fagott, der Dudelsack, die Trompete, das Hackbrett. Kein Instrument, das nicht Verwendung fände.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was ist Klezmer? Man identifiziert eine bestimmte Musik sofort als Klezmer-Musik - ohne genau sagen zu können, was sie dazu macht. Dem Katalog zur Ausstellung „Klezmer - hejmisch und hip“ im Jüdischen Museum Frankfurt ist eine Demonstrations-Disc beigelegt, auf der an die 50 Titel angespielt werden, die ganze Bandbreite der Klezmermusik. Geographisch erstreckt sich dieses Band einige tausend Kilometer von Ost nach West und nicht viele weniger von Nord nach Süd, historisch zweihundert, dreihundert Jahre in die Vergangenheit zurück.

          Schwermut und Heiterkeit

          Wer die Aufnahmen hört, wird erstaunt sein über die Vielfalt. Kaum zu glauben, was alles unter Klezmer firmiert. Vielleicht läßt sich dies eine Allgemeine sagen: Im Klezmer mischen sich häufig Schwermut und Heiterkeit. „Die Musik des Klezmer ist Freude und Trauer in einem. Sie berührt mich auf eine Art und Weise, wie es keine andere Musik vermag“, hat der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch bemerkt.

          Die Wurzel liegt in Osteuropa, bei den askenasischen Juden, die vor der großen Auswanderung nach Amerika Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, aber auch danach noch bis zur großen Schlächterei im Holocaust in großer Zahl dort gelebt haben. Wenn Juden feierten, ihre Feste begingen, durften die Klezmer-Musiker nicht fehlen. „A le vaje ohn Gewejn is wi a Chassene ohn Klesmer“, sagte denn auch ein Sprichwort: „Eine Beerdigung ohne Weinen ist wie eine Hochzeit ohne Klezmer.“ In Polen, Litauen, Weißrußland, Galizien und der Ukraine haben die jüdischen Musiker auch auf den Festen der Christen aufgespielt, sie waren das, was die Zigeuner in Südosteuropa waren und häufig noch sind, professionelle Alltagsmusiker.

          Die vom Kulturreferat der Stadt Gelsenkirchen organisierte Wanderausstellung, die seit drei Jahren in Deutschland tourt, erklärt auf 37 illustrierten Tafeln ausführlich Geschichte und Gegenwart der Klezmer-Musik: Viele Informationen, viel zu lesen. Zum Glück gibt es die erwähnte Disc, die der Besucher während seines Rundgangs abhören kann. Hinweiszahlen auf den Tafeln sagen ihm, welchen Titel er wählen soll. Die Schau stellt also keineswegs nur eine theoretische Veranstaltung dar. Außerdem gibt es in Frankfurt begleitende Vorträge und eine Konzertreihe.

          Ein richtiggehender Klezmer-Boom

          Gegliedert ist „Klezmer - hejmisch und hip“ historisch, aber vor allem geographisch. Von Osteuropa wanderte Klezmer mit den Auswanderern nach Amerika, wo er sich mit der modernen Unterhaltungsmusik dort vermischt, aber nach dem Zweiten Weltkrieg mehr oder weniger verschwindet. Neu entdeckt wird er in den sechziger und siebziger Jahren von der Folkbewegung. „Don't your people got none of your own music?“ wurde der Folkmusiker Henry Sapoznik, ein Jude, von einem Kollegen gefragt: Ob Juden nicht auch eine eigene Musik hätten? Und so stießen Sapoznik und andere auf die Klezmer-Musik, die nur noch in privatem Rahmen bei Familienfeiern gespielt wurde.

          In Israel mußte es kein Klezmer-Revival geben wie in den Vereinigten Staaten und später auch in Deutschland. Denn unter ostjüdischen Einwanderern hatte diese Fest- und Feiermusik weitergelebt. Doch ist Klezmer keinesfalls die israelische Musik, sondern eine Musik, die auch in Israel gespielt wird. Nach Deutschland ist Klezmer erstmals wieder in den sechziger Jahren gekommen, in den siebziger Jahren gehörte das jiddische Lied ganz selbstverständlich zur Politfolklore. Inzwischen kann man von einem richtiggehenden Klezmer-Boom sprechen, die stilistische Vielfalt ist enorm: Klezmermusik als historischer Crossover; Klezmer als Tanzmusik; jiddische Musik als Ausdruck jüdischer Identität, Feidman-orientierte Musik, um nur diese Etikettierungen aufzuzählen. Klezmer ist hip - Klezmer ist Weltmusik.

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