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Theater : Die Seelengüte andrer

Blut, Regen, Tränen: Am Staatstheater Wiesbaden findet Tilman Gersch starke Bilder für Kleists Drama der „Familie Schroffenstein“.

          Weil ihm auf der Erden ja doch nicht zu helfen sei, wie er schrieb, hat Kleist sich 1811 erschossen. Zuvor hat er mit das Größte geschrieben, das es in deutscher Sprache gibt – seinerzeit haben seine Texte den Leuten aber eher nicht gefallen. Und über „Die Familie Schroffenstein“ sollen sogar Kleist und seine Freunde sich schiefgelacht haben, als er aus dem Manuskript vortrug. Schwer zu glauben, oder es war das klaftertiefe Lachen der Verzweiflung.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Staatstheater Wiesbaden kann man jetzt die ganze Brutalität dieser Familientragödie beinahe hautnah erleben. Denn der einstigen „Familie Ghonorez“, die Kleist mit sprechendem Namen in einer zweiten Fassung schroff und hart wie Stein ins Schwäbische versetzt hat, ist auf Erden nicht zu helfen – und selbst wenn zuletzt einer die Hand zur Versöhnung ausstreckt, ist ganz und gar nicht sicher, ob es denn der Himmel tun wird.

          Maschinerie des Wahnsinns

          Die weitverzweigte Familie Schroffenstein besteht am Ende aller Schlachten nur noch aus zwei verwaisten Elternpaaren, deren liebende Kinder einer Familienfehde geopfert wurden, die beruhte auf: Misstrauen, vermeintlichem Wissen, Ahnungen und soviel Hass, wie er in den Seelen von Erwachsenen Platz hat. Wie dieser Hass sich ausbreitet, genährt von Dünkel und Irrtum, eine Maschinerie des Wahnsinns, das kann man in der Inszenierung von Tilman Gersch sehen. Denn der Regisseur, der in Wiesbaden bislang eher einen recht forschen Umgang mit klassischen Texten pflegte, zeigt diesmal, dass er Kleist bis in seine tiefsten Schichten gelesen hat – und deshalb so treffende zeitgenössisch-krasse Bilder und ohrenbetäubende Töne findet.

          Aus dem Beerdigungs-Chor Kleists wird ein antiker Chor, der in dunklen Kutten „Rache!“ skandiert und auf die Hostie den Tod der Feinde schwört. Die Männer sind es, die den Hass seit Jahren weitertragen, schließlich erben ja auch sie Reich und Titel. Wenn eine der Linien ausstirbt, dann fällt alles an die überlebende – und so fragen sich die verfeindeten Hausherren, wie es kommt, dass einige Knaben zu Tode gekommen sind. Sebastian Münster spielt den Grafen Rupert als Sadisten nahe an SS-Allusionen, der Menschen wie Hunde aufhetzt; während sein Gegenspieler Sylvester bei Stefan Schießleder eher ein blasser Träumer ist, der töten kann. Auch die Gräfinnen hetzen fleißig mit, deshalb lässt Gersch Eustache (Benjamin Krämer-Jenster) und Gertrude von Männern spielen, wobei Jörg Zirnstein locker als Georgette-Dee-Double durchgehen würde.

          Die Frauen glauben zu fühlen, die Männer glauben zu wissen, die Jugend tut beides, was am deutlichsten hervortritt in der Figur des Johann (Florian Thunemann), der dem Publikum und seinem Freund Ottokar den nackten Hintern und noch mehr zeigt. Aus Frust und unbefriedigter Lust – dass die bei allen etwas mit der Aggression zu tun hat, zeigen nicht nur das Blut, das reichlich fließt, sondern auch die schallenden Küsse, die man sich gegenseitig verabreicht. Und was der eine Graf an Bäumen abschneidet, das tut der andere gleich am Stammbaum, wofür Julia Kneusels ein genau passendes Bühnenbild gefunden hat, in dem der Regen fällt, als wären es lauter Tränen.

          Gott des Gemetzels

          In diesem Dickicht finden nur zwei in Liebe zusammen: Ottokar und Agnes, die Kinder der beiden Familien. „Denn etwas gibt’s, das über alles Wähnen und Wissen hoch erhaben – das Gefühl ist es der Seelengüte andrer“, sagt Agnes, und sie glaubt es sogar, bis zuletzt. Wiewohl auch sie und Ottokar eine große Mühe haben, ihre Vorurteile zu überwinden, was Lissa Schwerm und Michael Birnbaum von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt eindrucksvoll zeigen. Bis die Väter ihre eigenen Kinder erschlagen, im Glauben, es sei dasjenige des Feindes.

          So hat Kleist, der Verwechslungskünstler, wie beim Amphytrion und beim Dorfrichter Adam die allergrößte Wahrheit auch in der „Familie Schroffenstein“ nur in der Kostümierung enthüllt – und so kann man sie sehen. Mit allen radikalen Strichen hat Gersch auch jene letzten Worte weggelassen, in denen sich das böse Schicksal als ein Possenspiel erweist. Auf der Wiesbadener Bühne, wo derzeit auch Yasmina Rezas boulevardeske Komödie „Der Gott des Gemetzels“ zu sehen ist, tobt der Gott des Gemetzels. Und ist doch niemand anderer als: Der Mensch.

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