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„Klee“ im Konzert : Die süßeste Versuchung seit Nena

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Neigt zu amüsanten Plaudereien: Suzie Kerstgens Bild: F.A.Z. - Felix Seuffert

In der Frankfurter Brotfabrik feiern Jung und Alt stundenlang die Kölner Band „Klee“. Für gute Unterhaltung jedenfalls ist bestens gesorgt.

          „Berge versetzen“ – wahrlich keine leichte Aufgabe, die sich die Kölner Formation „Klee“ im sechsten Jahr ihrer Karriere da gestellt hat. Das haben auch schon andere versucht und sind grandios daran gescheitert. Doch der sofort ins Ohr gehende Titelsong des aktuellen vierten Albums, der von Ende Oktober an auch als CD-Single erhältlich sein wird, repräsentiert weit mehr als eine der üblichen Jetzt-zeigen-wir-es-euch-aber-Botschaften. Feiern doch in der ausverkauften Frankfurter Brotfabrik Jung und Alt mehr als zwei Stunden lang ausgelassen ein eigentlich schon seit zwölf Jahren bestehendes Bandkonzept, das nach langer Entwicklungsphase, manchem Umweg und herbem Schicksalsschlag nun endlich bei sich angekommen zu sein scheint.

          Manchmal liegt Vergangenheit wie ein Schatten auf der Gegenwart. Einen langen Blick zurück gönnt sich die blonde Frontfrau Suzie Kerstgens, wenn sie in einem weißen Charleston-Kleid mit Fransen zu schwarzweißen Pumps zumindest optisch die goldenen zwanziger Jahre heraufbeschwört. Kess bis kapriziös bewegt sich die 37 Jahre alte Sängerin dabei im bunten Scheinwerferlicht. Haucht mit Charme in mädchenhaftem Timbre deutschsprachigen Pop abseits kommerziellen Kalküls. Songs, die seit 1996 in enger Kooperation mit Gitarrist Tom Deininger und Keyboarder Sten Servaes im hauseigenen Tonstudio in einer ehemaligen Backstube in Köln entstehen – die süßeste Versuchung, seit Nena vor nun schon 26 Jahren „nur geträumt“ hatte.

          Ganz großes Kino

          Es sind Lieder mit bewegt poetischem Innenleben, wenn die ehemalige Germanistik- und Philosophiestudentin aus Xanten zwischen sphärischen Dur- und Moll-Akkorden mit Nachdruck bohrt: „Woran glaubst, wofür lebst du?“ Eindringliche Fragen, die ganz offensichtlich den Nerv des Frankfurter Publikums treffen, das mit glänzenden Augen textsicher jede Zeile mitsingen kann. Ohnehin klingen Lieder wie „Gold“, „Für alle die“, „Offene Wunden“ und „Zwischen Glauben und Vertrauen“ nach Hymnen, die es längst verdient hätten, sich in vorderen Chart-Regionen zu plazieren. Mit klugen, mitunter auch verspielten Texten, die – ähnlich wie bei den ebenfalls über die Jahre ohne künstliche Machenschaften gewachsenen Erfolgsduos „Rosenstolz“ und „2Raumwohnung“ – mit besonderer Vorliebe Herzschmerz ohne jedes Klischee thematisieren.

          Auch der Faktor Unterhaltung kommt bei „Klee“ dabei keineswegs zu kurz. Für die Hommage „Judy Garland“ zaubert Suzie Kerstgens zwei Fächer aus Straußenfedern hervor. Bei „Die Königin“ trägt sie eine mit Edelsteinen besetzte goldene Krone zum Gewand aus bunten Seidenbändern. Für „Ich lass ein Licht für dich an“ entzündet die Sängerin eine riesige Wunderkerze. Noch mehr Esprit versprühen allerdings verblüffend selbstironische Dialoge, die Suzie mit Pianist Sten Servaes austauscht, als wären beide mal eben schnell in die Rollen von Harald Schmidt und seinem ehemaligen Stichwortgeber Manuel Andrack geschlüpft.

          Ganz großes Kino schließlich erlebt das Publikum, wenn die in ihren amüsanten Plaudereien nun längst nicht mehr zu stoppende Suzie unverdrossen Schleichwerbung für den „Indie Travel Guide UK & Europa“ macht, ein alternativer, von deutschen wie internationalen Popmusikern verfasster Städteführer, an dem sie selbst fleißig mitgewirkt hat.

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