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Klassik : Triumph der achtziger Jahre: Eliahu Inbal dirigiert Bruckner

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Es herrschte Aufbruchstimmung, als Eliahu Inbal, damals Chefdirigent des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt (RSO), vor mehr als 20 Jahren ein hochinteressantes Bruckner-Projekt erarbeitete: Die Erstfassungen der Sinfonien Nr.

          Es herrschte Aufbruchstimmung, als Eliahu Inbal, damals Chefdirigent des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt (RSO), vor mehr als 20 Jahren ein hochinteressantes Bruckner-Projekt erarbeitete: Die Erstfassungen der Sinfonien Nr. 3, 4 und 8, heute wenigstens sporadisch im Konzertsaal zu erleben, galten zu dieser Zeit als Terra incognita. Inbal, schon in den frühen achtziger Jahren ein zuweilen unerbittlich an der Klangqualität feilender Künstler, profilierte sich 1982 endgültig mit diesen Aufführungen, denen mit einem gewaltigen Mahler-Zyklus schon bald ein noch viel umfangreicheres Vorhaben folgen sollte. Die Zeit dafür war günstig: Inbal hatte das RSO zu einem international konkurrenzfähigen Klangkörper geformt, der neue Name "Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt" war nicht zuletzt auch im Hinblick auf Fernreisen gewählt worden. Schallplattenfirmen zeigten schon bald lebhaftes Interesse an Inbal und seinen vorzüglichen Musikern.

          Beim Freitagskonzert des RSO in der Alten Oper mochte man sich jetzt an jene Zeit erinnert fühlen: Inbal, heute Ehrendirigent dieses Orchesters, wiederholte den Erfolg von damals, indem er noch einmal die Erstfassung von Bruckners achter Sinfonie einstudierte. Dennoch scheint alles anders: Im krassen Gegensatz zur Stimmung in den achtziger Jahren sind die Kulturfunktionäre des Hessischen Rundfunks derzeit gerade dabei, das Orchester abermals umzutaufen: Von September an müssen die Musiker sich nun wieder "hr-Sinfonieorchester" nennen, müssen gar noch ihren Standort Frankfurt schamhaft verschweigen. Diese kleinmütig anmutende Maßnahme wird damit begründet, das Ensemble fühle sich auf diese Weise dem Sender näher und nicht nur Frankfurt, sondern auch anderen hessischen Städten wie Alsfeld, Korbach oder Fulda verbunden. Sei's drum.

          Glücklicherweise ist das RSO in qualitativer Hinsicht das alte - besser gesagt: das neue, denn Inbal hatte einst die Weichen gestellt für eine Orchesterleistung, die zum Standard erhoben werden konnte und eine Steilvorlage für Hugh Wolff bot, den derzeitigen, im Sommer 2006 nach nahezu einem Jahrzehnt erfolgreicher Arbeit aus dem Amt scheidenden RSO-Chef.

          Nun also noch einmal Inbals Bruckner: Es scheint, als habe der Dirigent, der dieses Orchester immerhin 16 Jahre lang geleitet hat, die Intensität und Geschlossenheit dieses immerhin 80 Minuten beanspruchenden sinfonischen Gebildes noch einmal steigern können. Inbal gelingen schlüssige großformale Bögen, ohne daß die Elemente der Binnenstrukturen deswegen vernachlässigt würden. Vor allem ist Bruckners Achte in seinen Händen ein großartiges Klangerlebnis: Der RSO-Blechbläsergruppe zu lauschen ist heute der Genuß einer besonderen musikalischen Delikatesse.

          Die Wahl der Erstfassung bedeutet alles andere als eine zu vernachlässigende Facette: Sowohl Bruckner als auch Mahler haben ihre Sinfonien immer wieder "nachgebessert" und dabei wahrhaftig nicht nur Kosmetik betrieben. Wo Mahler allerdings im Hinblick auf unbedingten Ausdruckswillen an der Wirkung bestimmter Partiturstellen feilte, war der von "wohlmeinenden" Freunden leicht zu verunsichernde Bruckner zuweilen bereit, mit der Wahl einer neuen Fassung ein ganzes Sinfonienkonzept auszutauschen. Extreme Beispiele dafür sind die völlige Neukomposition des Scherzos der vierten Sinfonie und der Schluß des ersten Satzes in der Achten: in der von Inbal gewählten Erstfassung noch ein strahlend glanzvoller Forteschluß, in der üblicherweise musizierten Zweitfassung hingegen ein Verebben in resignativer Lautlosigkeit.

          Nicht nur deshalb gebührt keiner Version einseitig der Vorzug. Vielmehr verdeutlichte Inbals Interpretation einen weiteren Aspekt: Wenn es bei der Frühfassung vielleicht noch an der Geschmeidigkeit der Übergangspassagen mangelt, so gewinnt die Sinfonie durch die noch "unverdorbene" Frische der Sinfonik. Mit Bruckners späterer Perfektionierung der motivisch-thematischen Arbeit und der damit verbundenen Klangverdickung durch Zunahme weiterer Instrumente geht eben leider auch eine gewisse Schwergängigkeit des musikalischen Satzes einhher. Was ihm lieber ist, könnte ja jeder Musikfreund für sich entscheiden - gäbe es nur mehr Musiker wie Inbal, der es gewohnt ist, um die Frühfassung keinen Bogen zu machen. HARALD BUDWEG

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