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Klassik : Charmant, elegant, pikant: Neujahrskonzert im Geiste französischer Kultur

  • Aktualisiert am

Engagiert: Poalo Carignani am Taktstock Bild: F.A.Z. - Foto Michael Kretzer

Ein Veranstalter, der jenseits aller Operettenseligkeit und Straussiana ein niveauvolles Neujahrskonzert bieten will, wird sich die Wahl der Programmfolge besonders sorgfältig überlegen müssen. Geeignete Musikstücke gibt es in Hülle und Fülle.

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          Ein Veranstalter, der jenseits aller Operettenseligkeit und Straussiana ein niveauvolles Neujahrskonzert bieten will, wird sich die Wahl der Programmfolge besonders sorgfältig überlegen müssen. Geeignete Musikstücke gibt es in Hülle und Fülle. Gefragt sind allerdings attraktiv instrumentierte, interessant klingende Werke von nicht allzu ausladender Dauer, die jene Anforderung erfüllen, welche der Komponist Richard Strauss im Hinblick auf seine eigene Jahrhundertwendemusik einmal "sinfonischer Optimismus" genannt hat. Repräsentativ und "aufbauend" sollte die Musik klingen, nicht unbedingt von der psychologisch belastenden Dramatik eines in Tönen geschilderten unabwendbaren Schicksals geprägt sein.

          Wer könnte da besser aus dem vollen schöpfen als die Junge Deutsche Philharmonie? Seit 1998 gestaltet dieses in Frankfurt ansässige, selbstverwaltete "Bundesstudentenorchester" das von der Alten Oper in Kooperation mit der 1822-Stiftung veranstaltete Frankfurter Neujahrskonzert - eine Institution, die allmählich schon in Tradition überführt worden ist. Diesmal stand der Frankfurter Generalmusikdirektor Paolo Carignani am Pult des riesig besetzten Klangkörpers, und mit ihm war ein besonders spannungsvolles Programm angesagt.

          Zwei reguläre Orchestertrompeten und neun zusätzliche Spieler dieses Instruments fordert Leos Janacek für die Intrada seiner Sinfonietta für großes Orchester op. 60 - ein festlicher Auftakt, der selbst auf dem Platz vor der Alten Oper Eindruck gemacht hätte. Janaceks Spätwerk ist als Einspielstück eines Konzertabends allerdings ein ziemlich heikles Unterfangen, weil der Komponist in seinem kaum zu bremsenden Ausdrucksbedürfnis den Instrumentalisten ein Spiel in unbequemer Lage abfordert. Die Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie waren darauf optimal vorbereitet. Gleichwohl wollte die Klangbalance hier noch nicht restlos glücken: Vielleicht hätte Carignani die einzelnen musikalischen Charaktere selbst auf die Gefahr einer überprononcierten musikalischen Aussage hin noch etwas plastischer ausformulieren oder auch nur länger proben sollen - ganz sicher hat das anspruchsvolle Programm dieses Jahresauftakts insgesamt viel Vorbereitungsmühe gekostet.

          Um so transparenter gelangen die weiteren Stücke des fast drei Stunden währenden Programms: Francis Poulencs Konzert für zwei Klaviere und Orchester d-Moll von 1932 wurde von Carignani mit all jenem Witz, Charme und Esprit ausformuliert, der diesem Werk gebührt. Daß dies so vollkommen gelingt, ist keineswegs selbstverständlich, weil deutsche Orchester sich auf dieses Ideal einer spezifisch französischen Klangmixtur erst einstellen müssen. Dabei gilt es, die Orchesterbegleitung gleichermaßen spitz und elegant zu gestalten, letzteres insbesondere in der "Als ob"-Haltung des Mozart persiflierenden Mittelsatzes.

          Die türkischen Zwillingsschwestern Ferhan und Ferzan Önder waren ideale Interpretinnen: hellwach im Dialog mit Carignani und dem Orchester, spritzig in Tempo und Anschlagskultur, technisch versiert. Zu bedauern ist lediglich die äußerst ungünstige Plazierung weit hinten auf dem Podium der Alten Oper, die wohl gewählt wurde, um das nach Janaceks Auftaktswerk geschrumpfte Orchester nicht auseinanderdividieren zu müssen. Aber man hätte dieses Problem auch anders lösen können - die Klaviere, die naturgemäß ohne Schalldeckel auskommen müssen, an der Rampe, Streicher und Holz dahinter, Blech auf der ersten Bühnenstufe. So aber klang das Orchester brillant, wohingegen die Solistinnen es dort schwer hatte, wo ihre Dominanz gefordert war.

          Sehr differenziert gestaltete Carignani nach der Pause Serge Prokofieffs Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25 ("Symphonie classique"), nahm den ersten Satz allerdings in einem irritierend gemächlichen Tempo. Hurtiger schritt er durch Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" in der üblichen Ravel-Instrumentation und verlieh dem Zyklus trotz kräftigsten Schlagzeugeinsatzes jene mediterran bezaubernde Leichtigkeit und Luftigkeit, die man fast als Korrektiv dieser üppig geratenen Instrumentation auffassen könnte. Wie bildhaft diese Musik tatsächlich wirken kann, bewies ein älteres Ehepaar in der aus nur zwei Plätzen bestehenden Reihe zwei im Balkon, das eine halbe Stunde lang nicht nur ständig mit den Fingern auf einzelne Musiker zeigte, sondern sich während der Aufführung gegenseitig sämtliche "Vorkommnisse" unten auf der Bühne mitteilte, obwohl diese Herrschaften doch dem Anschein nach weder taub noch blind waren. So hatte an diesem Neujahrskonzert eben jeder auf seine Weise Freude.

          Vier exquisite Zugaben beschlossen das lange Programm: der berühmte Marsch aus der Oper "L'amour des trois oranges" von Serge Prokofieff, ein Stück aus der Musik zu Fellinis Film "Otto e mezzo" von Nino Rota, die "Circus-Polka für einen jungen Elefanten" von Igor Strawinsky und - natürlich - der Radetzky-Marsch für Orchester und ein von Carignani angeleitetes Klatschpublikum.

          HARALD BUDWEG

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