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Kinofilm : Die gute Deutsche

Großer Auftritt: Beate Klarsfeld beschimpft während einer Bundestagssitzung Bundeskanzler Kiesinger. Mit einer Ohrfeige wurde sie berühmt. Jetzt kommt ihre Geschichte in die Kinos. Bild: dpa

Hanna Laura Klar hat einen Film über Beate Klarsfeld gedreht, die einst mit einer Ohrfeige Berühmtheit erlangte. Am Donnerstag hat der Film Premiere.

          Aus dem Tochter-Alter ist sie raus. Heute sind es ihre Kinder, die mit Vater und Mutter das Lebenswerk weiterschreiben. Aber in Deutschland ist Beate Klarsfeld, Jahrgang 1939, geboren in Berlin, wohnhaft in Paris, immer noch am bekanntesten durch jene Ohrfeige, die sie selbst und viele andere als den Schlag der deutschen Jugend, der Tochter, gegen den Nazi-Vater bezeichnen. Am 7. November 1968 ohrfeigte sie den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger auf dem CDU-Parteitag in Berlin: Trotz seiner frühen Mitgliedschaft in der NSDAP und seiner Karriere bis zum stellvertretenden Leiter der rundfunkpolitischen Abteilung des Reichsaußenministeriums hatten nur wenige gegen seine Wahl zum Bundeskanzler protestiert. In Deutschland haben nicht wenige bis heute Schwierigkeiten mit Klarsfelds symbolkräftiger Ohrfeige, die für viele das Bild der Bundesrepublik wandelte. Dass sie nur der Anfang ihres Lebens als „Nazi-Jägerin“ war, wissen viele nicht.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber als Beate Klarsfeld durch den winterlichen Frankfurter Holzhausenpark spaziert, erkennt eine Dame auf der Parkbank sie sofort: Klarsfeld, „das ist doch meine Generation“. Das ist 2008, als im Frankfurter Historischen Museum die Schau über 1968 und die Achtundsechziger gezeigt wird. Beate Klarsfeld ist eingeladen. Später sieht man sie am Denkmal Börneplatz, am Campus Westend bei der Eröffnung des Norbert-Wollheim-Memorials.

          „Menschen interessieren mich“

          Immer an ihrer Seite, als Ansprechpartnerin, Fragende, Begleitung, geht die Frankfurter Filmautorin Hanna Laura Klar. Damals war sie noch am Anfang ihrer Recherche, ihrer Gespräche und Dreharbeiten. Heute hat Klars Film Premiere im Frankfurter Kino „Mal sehn“: „Berlin – Paris. Die Geschichte der Beate Klarsfeld“. Durch ein Zeitungsinterview kam sie auf Klarsfeld, deren Name ihr durchaus geläufig war, obwohl Klar 1968, als die Ohrfeige fiel, gar nicht recht mitbekam, was da los war. Damals studierte Klar, Jahrgang 1946, an der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm Film. Auch ihrem dortigen Lehrer Alexander Kluge ging es um Lebensläufe, ja – aber erst durch ihr späteres Soziologiestudium in Frankfurt habe sie die Life-history-Methode für ihr Filmwerk entdeckt.

          „Menschen interessieren mich“, sagt Klar, und dass sie „fast wie eine Therapeutin“ sei im Zwiegespräch mit den Protagonisten. So ist sie der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nahegekommen, die sie in „Elfriede & Elfriede“ porträtierte, vor allem aber den vielen Zeitzeugen des Nationalsozialismus und der Judenvernichtung, mit denen Klars Filmarbeiten sich seit Jahren beschäftigen. Weil sie findet, man müsse der Jugend diese Geschichte erzählen. Dafür lasse sie dann auch nicht nach, wiewohl der Papierkrieg, das Geldbeschaffen für Filme oft mühsam sei: Ein Jahr hat sie gebraucht, um das Geld für den Klarsfeld-Film zusammenzubekommen, einen Großteil, 100 000 Euro, hat sie vom Fonds Hessen Invest Film bekommen.

          Als sie Klarsfeld erstmals kontaktierte, hatte sie soeben „Die Protokollantin“ abgeschlossen, einen Film über die Medizinerin Alice Ricciardi von Platen, die bei den Nürnberger Ärzteprozessen protokollierte. Zuvor drehte sie „Die Frau des Rabbiners“ über Silvia Tennenbaum und „Sofies Schwester“ über Elisabeth Hartnagel, die Schwester Sofie Scholls.

          „Sie besteht darauf, eine gute Deutsche zu sein“

          Die Scholls nennt Beate Klarsfeld als Vorbilder – so kamen sich die Frauen, die sich im Film duzen, rasch näher. Der „Nazi-Jägerin“ Klarsfeld geht es bis heute um die Erinnerung an den Holocaust, zumal an die deportierten Kinder, denen sie und ihr Mann, der Jurist Serge Klarsfeld, ein vielbändiges „Memorial“ mit Fotos, Namen und Adressen gewidmet hat. Es geht ihr um Entschädigung der Opfer und Bestrafung der Täter. Filmausschnitte zeigen, wie die Klarsfelds Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon“, enttarnten, der 1987 verurteilt wurde, zeigen Serge und seinen Sohn Arno 2001 vor Gericht, als Alois Brunner, Eichmanns Stellvertreter, in Abwesenheit verurteilt wurde.

          Der Skandal, die Berichterstattung der Medien sei essentiell gewesen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, sagt Klarsfeld im Gespräch mit Klar. So ist es, im Grunde, bis heute geblieben. Schon lange vor der Ohrfeige hatte sie mit ihrem Mann Dokumente über Kiesinger gesammelt, auch in der DDR, sie hatte sich der Unterstützung des Bonner SDS versichert, war bei Sit-ins in der Berliner Universität aufgetreten und hatte dort angekündigt: „Ich werde Kiesinger ohrfeigen.“ Elegant, adrett gekleidet, gelassen lächelnd, das entspricht nicht gerade dem Klischee der Achtundsechziger. Wenn Klarsfeld besonders empört ist, zieht sie im Gespräch einen Schlussstrich, mit einem knappen „Bon“. „Sie wirkt französisch, aber sie besteht darauf, eine gute Deutsche zu sein“, kommentiert Klar.

          Eine „gute Deutsche“, den Begriff verwendet ihr Mann Serge, den sie 1960, sie war Au-pair in Paris, in der Metro kennenlernte, an der Porte de St. Cloud, wo die beiden bis heute wohnen. Serges Vater war in Nizza vor den Augen des Kindes deportiert und in Auschwitz ermordet worden. Aus dieser Ehe eines französischen Juden und einer deutschen Nichtjüdin müssten sie etwas Besonders machen, sagte der Bezirksbürgermeister bei der Trauung – das war auch an einem 7. November, genau fünf Jahre vor der Ohrfeige.

          Venedig als zweites Zuhause

          Dass sie später mit ihrem Mann versuchte, den für die Deportation französischer Juden verantwortlichen Kurt Lischka zu entführen, dass eine Bombe das Auto der Klarsfeld zerriss, dass sie sich in Polen ankettete und lange Zeit um die Präsentation der Ausstellung über die Todeszüge jüdischer Kinder auch in deutschen Bahnhöfen stritt – viele damals skandalöse und bis heute umstrittene Aktionen reißt der Film an, bisweilen verwendet Klar historische Ausschnitte oder auch eine Sequenz aus dem 2008 gedrehten Spielfilm „La traque“ von Laurent Jaoui, in dem Franka Potente die Klarsfeld verkörpert. Klar begleitet Klarsfeld zu Vorträgen, Ausstellungseröffnungen und vor allem Ehrungen, nach Paris, Berlin, München, Frankfurt und Venedig, zum zweiten Zuhause der Klarsfelds. Sie zeigt keine vollständige politische Geschichte, sondern das persönliche Bild, fast eine Bilanz. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich das, was ich heute bin, einmal werden könnte“, sagt Beate Klarsfeld.

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