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Dokumentarfilmer demonstrieren : Flashmob vor dem Hessischen Rundfunk

Im Vorfeld der Filmprojektion stehen Demonstranten vor dem HR Gebäude und kritisieren den Umgang des Senders mit frei produzierten Dokumentarfilmen. Bild: Lucas Bäuml

Der Sender zeigt zu wenige unabhängige Dokumentarfilme, sagt die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm. Mit einem Film-Flashmob vor dem Frankfurter Funkhaus hat sie dagegen demonstriert.

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          Dokumentarfilme auf der Leinwand statt im Fernsehen: Mit einem Flashmob samt Eiskonfekt, Kinoplakaten und Reden hat die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG DOK) vor dem Funkhaus am Dornbusch gegen die Filmpolitik des Hessischen Rundfunks demonstriert. Eine Stunde lang liefen auf einer mobilen Leinwand am Mittwochabend Ausschnitte, Kurzfilme und Trailer von hessischen Dokumentarfilmen, etliche der ortsansässigen Filmemacher waren dabei.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Filme, die nach Angaben der AG DOK beim Hessischen Rundfunk „keine Chance“ hatten. Darunter sind Beispiele wie „Das radikal Böse“ des österreichischen Oscar-Preisträgers Stefan Ruzowitzky, „Die Akte Oppenheimer“ von Ina Knobloch oder „Moritz Daniel Oppenheim – der erste jüdische Maler“ von Isabel Gathof. Die vom Hessischen Rundfunk gerufene Polizei rückte an, griff aber nicht ein.

          Bundesweiter Aktionstag

          Die Aktion steht im Zusammenhang mit dem ersten bundesweiten Dokumentarfilmtag „Let`s Dok“, der am 19. September stattfindet. Die AG DOK feiert an diesem Tag ihre Gründung vor 40 Jahren, in Programmkinos aller Bundesländer laufen an diesem Tag Dokumentarfilme, die sich schon seit geraumer Zeit beim Kinopublikum großer Beliebtheit erfreuen. In den öffentlich-rechtlichen Sendern allerdings kämpfen die freischaffenden Dokumentarfilmer um Sendeplätze. Die in Frankfurt ansässige AG DOK macht dabei den Hessischen Rundfunk als Schlusslicht unter den Sendern aus.

          Mit einer Filmprojektion vor dem HR Gebäude kritisieren die Dokumentarfilmer den Umgang des Senders mit frei produzierten Filmen.
          Mit einer Filmprojektion vor dem HR Gebäude kritisieren die Dokumentarfilmer den Umgang des Senders mit frei produzierten Filmen. : Bild: Lucas Bäuml

          Für die hessische Filmszene, die traditionell gerade im Dokumentarfilm stark vertreten ist, falle der öffentlich-rechtliche Sender als Auftraggeber aus, so Hannes Karnick, Dokumentarfilmer und Mitbegründer der AG DOK. Anders als andere Sender produziere der Hessische Rundfunk den Löwenanteil seiner Sendungen selbst. Der Eigenproduktionsanteil liege bei 97 Prozent, so Karnick.

          Nach der Fernsehrichtlinie der Europäischen Union sollten zehn Prozent des Programmaufkommens an freie Produktionsfirmen vergeben werden, erläutert der Dokumentarfilmer Thomas Frickel, der 34 Jahre lang Vorsitzender der AG DOK gewesen ist. Sein eigener preisgekrönter Film „Wunder der Wirklichkeit“ war im vergangenen Jahr vom Hessischen Rundfunk gesendet worden – mitten in der Nacht.

          „Externe Produktionen haben keine Chance“

          „Externe Produktionsfirmen und Filmschaffende haben am Dornbusch so gut wie keine Chancen“, so die AG DOK. Gerade jetzt, in der Corona-Krise, die für viele Filmschaffende und Produktionsfirmen existenzbedrohend sei, übernehme der Hessische Rundfunk „keine Verantwortung für die unabhängige Filmszene“. Das sei ein schwerer Standortnachteil für die hessische Filmbranche und ein Affront gegen die Kulturpolitik des Landes Hessen, das sich seit Jahren mit erheblichen Mitteln und mit Erfolg um den Aufbau einer eigenständigen Filmlandschaft bemühe.

          Der Hessische Rundfunk sei „ein echter Dokumentarfilm-Spätsender“ stellte Fritz Wolf 2019 in einer von der AG DOK beauftragten Studie fest. Nach einer Änderung der Förderrichtlinien der hessischen Film und Medien GmbH, also der Landes-Filmförderung, ist der Sender zwar weiterhin mit zehn Prozent Mitgesellschafter der Filmförderung, die 770.000 Euro an Fördermitteln, die er einbringe, kämen aber nicht direkt aus Sendermitteln, sondern von den Überschüssen der Landesanstalt für privaten Rundfunk. Seit der Reform der Förderrichtlinien gebe es auch kein Erstsenderecht des Hessischen Rundfunks mehr, so die AG DOK.

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          In den 40 Jahren der AG DOK habe sich vieles für den Dokumentarfilm zum Besseren gewendet. Nur am Hessischen Rundfunk stoße die freie Filmszene „auf das gleiche Desinteresse gegenüber der freien Filmszene wie eh und je“, so Karnick. Der Hessische Rundfunk produziere alles im eigenen Haus. Deshalb also ein Geburtstagsgeschenk eigener Art der AG DOK: „Wenn der HR unsere Filme nicht zeigt, dann zeigen wir dem HR eben unsere Filme“ lautete das Motto der Kundgebung. Corona-Regeln seien bei der Veranstaltung unter freiem Himmel kein Problem: „Der Abstand zwischen dem HR und der freien Filmszene in Hessen ist ja immens.“

          Die AG DOK forderte den Sender auf, sich für die unabhängige Filmszene zu öffnen und seine „in der ARD einmalige Eigenproduktionspolitik“ aufzugeben. Sendeplätze und finanzielles Engagement sollten für kulturell und künstlerisch wertvolle Produktionen bereitgestellt werden.

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