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Kein Kino während Corona : Ausbruch

Wegen der Corona-Pandemie bleiben die Kinosäle auch im Mainzer Palatin leer. (Archivbild) Bild: dpa

Wegen der Corona-Pandemie sind auch die Kinos in der Rhein-Main-Region geschlossen. Was bleibt, ist der Wunsch dem Alltag zu entfliehen.

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          In einer fernen Zeit haben wir gelegentlich fensterlose Räume aufgesucht, in denen wir, Piloten gleich, aber im Gegensatz zu diesen mit einer Flasche Bier und einem Eimer Popcorn ausgestattet, in weichen Sesseln saßen, um in andere Welten zu fliegen. Der Körper, schwerelos, versank im Polster, der Geist schweifte in bunte Weiten, die Steuererklärung und andere unangenehme Dinge waren vergessen. Der Wiedereintritt in die Normalität erfolgte manchmal mit Verzögerung, denn der emotionale Aufenthalt in der Kintoppwirklichkeit sollte nicht enden, und so blieb man sitzen, bis der Abspann einem auch noch mitgeteilt hat, dass bei den Dreharbeiten keine Tiere geschädigt wurden.

          Spätestens in der U-Bahn oder im Auto beim Herausfahren aus der Tiefgarage hatte einen die Erde wieder. Die Wunder blieben im Lichtspielsaal zurück, die Realität war ein nüchterner Ort, etwas Selbstverständliches, und ein Supermarkt einfach nur eine Möglichkeit, sich mit Lebensmitteln einzudecken. Mittlerweile aber hat sich unser Blick auf die Dinge verändert. Manchen kommt das Leben unter Corona-Bedingungen wie ein nicht enden wollender Film vor, ein Produkt aus einer Albtraumfabrik. Unser Radius ist extrem eingeengt, andere Menschen sind eine permanente Gefahr, der es auszuweichen gilt, die Wohnung ist eine Festung, und man stellt wieder einmal fest, dass Fernsehen und Streaming-Dienste das Kinoerlebnis nur bedingt ersetzen können. Plötzlich sind wir hilflose Passagiere auf der heimischen Couch, die nach jedem Unterhaltungsstrohhalm greifen.

          Richtige Abwechslung aber gibt es derzeit nur draußen, denn Zwangs-Cocooning und virtuelle Dauerablenkung versetzen uns in einen dumpfen Zustand, in dem das Dasein ein langer, ruhiger Fluss von niederschmetternder Eintönigkeit ist. Also hinaus ins pralle Geschäfts-Leben, wo wir die Waren mit ganz anderen Augen betrachten, als handele es sich um wunderbare Objekte, zumal in den letzten Wochen den meisten Menschen zu Bewusstsein gekommen ist, dass nicht unbedingt immer alles zu jeder Zeit verfügbar sein muss. Aber beim Gang durch den Laden geht es vor allem um den Genuss einer Situation, in der wir aus dem zur Homeschooling-Hölle mutierten Zuhause ausgebrochen sind. Und allerlei Zauberhaftes zeigt sich. Die Frau im Abendkleid etwa, der nach Absage sämtlicher gesellschaftlicher Events und Opern-Aufführungen nur noch der Rewe als Bühne bleibt. Ganz großes Kino.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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