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Kunsthalle Darmstadt : Kein Kindchenschema

Den 15 beteiligten Künstlern liegt nichts ferner, als die gängigen Klischees zwischen Babyspeck und süßer Unschuld, „Knuddel-Impuls“ und Kindchenschema zu bedienen: Die Ausstellung „Baby Body“ in der Kunsthalle Darmstadt .

          Wenn man es nicht besser wüsste, es könnte dem arglosen Besucher gleich am Eingang himmelangst werden. Rosarot leuchtet dieser Tage das Portal der Darmstädter Kunsthalle, ein Läufer wie in Hollywood, doch herzallerliebst in Himmelblau, führt vom Hof in das Gebäude, derweil die aktuelle Ausstellung das Motiv der „Babies in der zeitgenössischen Kunst“ ins Zentrum der Betrachtung rückt. Und als sei das alles nicht genug, entpuppt sich überdies der Katalog als hübsches Spielzeug für die Allerkleinsten unter den potentiellen Kunstbetrachtern: als Babyrassel in poppig-buntem Hardcover.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Verblüfft mag man da am Anfang reagieren, doch im Innern der Kunsthalle ist es gottlob rasch vorbei mit süßem Kitsch, fröhlichem „Dadada“ und „Dududu“ und auch sonst mit so ziemlich allen Mutterfreuden. Denn weder haben, wie man beinahe vermuten könnte, der Kinderschutzbund, die Kirche oder gar Ursula von der Leyen die Schau federführend kuratiert. Noch haben Kunsthallendirektor Peter Joch, wie mancherorts schon scherzhaft kolportiert, angebliche Vaterfreuden zu der schmissig „Baby Body“ betitelten Ausstellung inspiriert-

          Instrumentalisierung der Babywelten

          Vor allem aber liegt den 15 beteiligten Künstlern dieser Themenausstellung nichts ferner, als die gängigen Klischees zwischen Babyspeck und süßer Unschuld, „Knuddel-Impuls“ und Kindchenschema zu bedienen. Erweist sich doch der Umgang mit diesem, so Joch, „wahnsinnig pathetisch belegten Thema“ fast ausnahmslos als wenigstens ironischer, nicht selten satirischer und mitunter gar als offen sarkastischer.

          Schon in der ganz der Malerei vorbehaltenen Haupthalle stellt etwa Marianna Gartner die gängige Ikonographie auf den Kopf und zeigt das Kleinkind als die Personifizierung des Bösen schlechthin. Und es ist wohl kein Zufall, wenn dem Betrachter etwa angesichts von „Diablo Baby III“ unwillkürlich Roman Polanskis Filmklassiker „Rosemaries Baby“ in den Sinn kommt. Während indes Andrea Bender, eine einstige Meisterschülerin von Dieter Krieg, die lieben Kleinen mit pastosem Strich als greisengleiche Monster oder, wie auf „Vielschwanger“, die Mutter als furchterregende Gebärmaschine inszeniert, schlägt der Düsseldorfer Künstler Cornelius Völker mit „Puttiklatsch“ die liebreizenden engelsgleichen Wesen in einem wahren Farbfuror buchstäblich zu Brei.

          Weniger brachial und doch immer wieder durchaus komisch spiegelt sich die Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte in den Arbeiten Markus Kröns, den Skulpturen und Objekten des italienischen Künstlers Wal oder auch den virtuos klassische Sujets – etwa der holländischen Malerei – zeitgenössisch variierenden Fotoarbeiten Judith Samens, einer der Entdeckungen der Schau. Dass darüber hinaus zahlreiche Positionen – wie die des Slowaken Erik Binder oder auch die in bunte Ganzkörperanzüge eingestrickten Püppchen Manfred Erjautz’ – Konsum und Werbung und frühkindliche Konditionierung, kurz: die Instrumentalisierung der in Rosarot und Himmelblau getauchten Babywelten thematisieren, durfte man derweil getrost erwarten.

          Aktualität und Sarkasmus

          Wenn freilich das spanische Künstlerduo Martín und Sicilia in ihrer Installation „Remesa de niños adoptados“ zwei oder drei Dutzend schokoladenbraune, wie mit der Laubsäge ausgeschnittene Babys tropfnass aus der Wanne nehmen und sie frisch gewaschen und geschrubbt mit bunten Wäscheklammern an die Leine hängen, nur, um sie dergestalt potentiellen Adoptiveltern zu präsentieren: Dann ist das eingedenk all der Prominenten, die auf der Suche nach Mutterglück und Vaterfreuden in ferne Länder reisen, an Aktualität wie an Sarkasmus kaum zu überbieten. Und doch ist es mit der schon 1972 entstandenen Videoarbeit der Beuys-Schülerin Ulrike Rosenbach eine Einzelposition, die den verstörendsten und darob nachhaltigsten Eindruck hinterlässt.

          Vier Minuten lang zeigt „Einwicklung mit Julia“ zu merkwürdig verfremdeten Geräuschen und in einer einzigen Einstellung in Schwarzweiß nichts anderes als die Künstlerin selbst, wie sie sich und ihre kleine Tochter auf dem Schoß mit einer Mullbinde umwickelt. Das ist auch schon beinahe alles. Ein ums andere Mal legt die Mutter sich und Julia die Binde um den Leib, hebt das Kind brav die Ärmchen oder fährt sich beiläufig durchs Haar. Bis beide, schicksalhaft und wie für alle Zeiten, endlich unauflöslich aneinander gefesselt scheinen. Das ist formal schlicht und gänzlich frei von falschem Pathos inszeniert. Doch „Einwicklung mit Julia“ ist von einer beklemmend stillen Wucht und Intensität, der man sich nicht entziehen kann.

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