https://www.faz.net/-gzg-8jg4x

Poetikdozentin Lange-Müller : Erzählen, wenn es ums Leben geht

Vor der Poetikvorlesung im Hörsaal: Katja Lange-Müller auf dem Westend-Campus der Frankfurter Goethe-Universität Bild: Helmut Fricke

Nach der Vorlesung ist vor der Lesung: Frankfurts Poetikdozentin Katja Lange-Müller hat derzeit viel zu tun. Und im Herbst erst recht.

          Der Putschversuch in der Türkei hat Katja Lange-Müller nicht überrascht. Wie ein Schnellkochtopf sei Istanbul ihr zuletzt vorgekommen, sagt die Schriftstellerin. Zehn Monate lang hat sie von Herbst 2013 bis Sommer 2014 an der Kulturakademie Tarabya verbracht, die von der Botschaft der Bundesrepublik und dem Goethe-Institut in einem Vorort der Stadt am Ufer des Bosporus unterhalten wird, im Park der alten Sommerresidenz des Botschafters.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie hat Türkisch gelernt, besser jedenfalls als Italienisch im kurz zuvor an der Villa Massimo in Rom verbrachten Jahr, und die Ereignisse in Erdogans Staat auch nach der Rückkehr nach Deutschland gebannt verfolgt: „Ich lese jeden Satz, den ich finden kann.“ Seit ihrer Rückkehr hat sie das Gefühl gehabt, dass bald entweder das seit langem erwartete schwere Erdbeben in Istanbul oder eine ebenso große politische Erschütterung des ganzen Landes losbrechen könnte: „Ich hatte den Eindruck: Es ist der nächste Kandidat für einen Bürgerkrieg.“

          Im Bahnhofsviertel werden Erinnerungen an Istanbul wach

          Den Absturz der Türkei in die immer autoritärere Politik des Präsidenten hat sie aus nächster Nähe miterlebt. Sie hat auf der Istiklal Caddesi Gewerkschafter demonstrieren und das gegen sie eingesetzte Tränengas bis zu den Gästen auf der Terrasse des Hotels Londra hinaufsteigen sehen: „Das muss man auch mal erlebt haben“, sagt sie lakonisch. Ein paar Tage nach dem Grubenunglück im Mai 2014 hat sie einen Besuch in der Stadt Soma gemacht: „In jedem Lokal, in jedem Friseurladen schwarze Schleifen.“ Wie unbemerkt es in Deutschland geblieben ist, dass bei dem Unglück neben den vielen türkischen Bergleuten auch etwa 140 Tagelöhner, viele von ihnen syrische Flüchtlinge, gestorben sind, ärgert sie. Und das alles bei sträflich vernachlässigter Arbeitssicherheit auf der Suche nach einer minderwertigen Industriebraunkohle, die bei den Türken „Saurierscheiße“ heiße.

          Zurück an Istanbul denkt sie im Frankfurter Bahnhofsviertel. Sie hat die letzte ihrer Poetikvorlesungen gehalten und sitzt auf dem Sofa im Billardzimmer des Hotels Nizza an der Elbestraße. Die Gegend mit ihren vielen türkischen Geschäften gefällt ihr: „Da kann man gleich weitermachen, wo man in Istanbul aufgehört hat.“

          Lange-Müller bald auf Lesereise

          Ist sie denn froh, dass sie die Vorlesung nun hinter sich hat? „Ja, bin ich.“ Sie hat die fünf Vorträge über das Schreiben, das Lesen, das Erfinden und das Erzählen gerne gehalten. Aber mit ihnen verbunden gewesen sind fünf Reisen von Berlin nach Frankfurt und wieder zurück, jeweils mit einer Übernachtung im Hotel. Und der älter werdende Mensch, findet Lange-Müller, ist kein Freund ewig wechselnder Bettstatt, auch wenn sie im Hotel Nizza sehr gerne zu Gast ist. Im Herbst jedoch steht ihr das Reisevergnügen in gesteigerter Form bevor, denn sie hat einen neuen Roman geschrieben, „Drehtür“, der in den nächsten Wochen bei Kiepenheuer & Witsch erscheint. Die Besucher der Frankfurter Vorlesung wissen schon mehr, die restlichen ihrer Leser müssen sich noch ein wenig gedulden.

          Seit 1959 gibt es die von der Frankfurter Goethe-Universität veranstaltete Vortragsreihe, die mit Ingeborg Bachmann begann und in den nächsten vier Semestern mit Ulrike Draesner, Michael Kleeberg, Silke Scheuermann und Christian Kracht fortgesetzt wird. Zur Finanzierung tragen die Verlage Suhrkamp, Fischer und Schöffling, das Frankfurter Kulturamt, der Verein der Freunde und Förderer der Hochschule und erstmals auch die Universität selbst bei: Eine halbe zusätzliche Stelle ist der Koordinatorin Susanne Komfort-Hein bewilligt worden. Das erleichtert ihr von nun an den Kontakt mit den demnächst anreisenden Dichtern und Schriftstellern, die von den Erfahrungen mit ihren eigenen und fremden Werken berichten.

          Weitere Themen

          Keine Angst vor Schreib-Maschinen

          Literatur im Internet : Keine Angst vor Schreib-Maschinen

          Steht das Internet der Literatur im Weg? Kathrin Passig steht virtuellen Autorenkollektiven nicht nur mit Abneigung gegenüber, doch in ihren Grazer Vorlesungen, die nun als Buch erscheinen, überschätzt sie Künstliche Intelligenz auch nicht.

          EKG für unterwegs Video-Seite öffnen

          Infarkt oder nicht? : EKG für unterwegs

          Eine App fürs Handy und ein Kabel mit Elektroden - Cardiosecur hat ein mobiles EKG entwickelt. Gründer und Geschäftsführer Markus Riemenschneider erklärt im Video, wie das Ganze funktioniert.

          Topmeldungen

          TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

          In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.