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Kabarett : Kompromisslos nachgetrettert

En scharfer Blick zurück auf 2007: Mathias Tretter Bild: DIETER RÜCHEL

Was macht eigentlich Knut? Was wird aus Gabriele Pauli, was gar aus Roland Koch, wenn er die Wahl verliert: Ausländerbeauftragter der Europäischen Union? Derlei Fragen widmet sich Mathias Tretter in „Nachgetrettert“.

          Was macht eigentlich Knut? Sie wissen schon: das wahnsinnig putzige Patenkind von Sigmar Gabriel, unser aller Berliner Eisbärchen? Was wird aus dem Daniel Küblböck der Politik, aus Gabriele Pauli also, was gar aus Roland Koch, wenn er die Wahl verliert: Ausländerbeauftragter der Europäischen Union? Und kann es einen Gott geben, wenn Hansi Hinterseer ungestraft Musik machen darf? Tja, Fragen über Fragen. Aber so ist das eben am Ende eines ereignisreichen Jahres, das uns den Klimawandel beschert hat, den Bahnstreik selbstverständlich und wie gehabt alleweil Volksmusik; die „Pimperpauschale“ Ursula von der Leyens, das Elterngeld also, und keineswegs zuletzt das Rauchverbot und damit allüberall aus dem Boden schießende Heizpilze.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Womit wir schwuppdiwupp wieder beim Klima wären und mit Merkel und Gabriel im fürderhin nicht mehr ganz so ewigen Eis und bei Knut und seinen Anverwandten und nicht zuletzt bei all den allzu gern verdrängten Peinlichkeiten eines unvergesslichen Jahres. Abgerechnet aber wird naturgemäß am Schluss. Und – wie es sich gehört im deutschen Kabarett, das diesen Namen noch verdient – ganz ohne Kompromisse. Denn Mathias Tretter, der jetzt mit „Nachgetrettert!“ im Frankfurter Stalburg-Theater seine satirische Bilanz des abgelaufenen Jahres präsentierte, gilt zwar mit seinen 35 Jahren fraglos noch als junger Wilder der Brettlkunst.

          Polemisch, böse und politisch

          Die „Jahresrevanche“ des in Würzburg geborenen Kleinkünstlers aber nimmt sich nachgerade klassisch aus: polemisch, böse und politisch und – gehört doch Tretter ungeachtet seines jugendlichen Alters zu den rar gewordenen Kabarettisten alter Schule – stets glänzend recherchiert. Dabei ist ihm Eva Herman ebenso das eine oder andere Kopfschütteln wert wie die Apfelweinaffäre ( „Wie schaut’s eigentlich aus mit Leberkäs, Reinigungsmilch, Hundekuchen?“); und der, nun ja, Pin-up-Kalender der Offenbacher SPD-Frauen oder gar die bischöfliche Trias Mixa, Meissner, Algermissen, die sich wie die allein selig machende Kirche auch nicht permanent mit Ruhm bekleckert hat, sind ohnehin nur mit einer gehörigen Portion Sarkasmus zu ertragen: „Also was Weihrauch in so einem Schädel alles anrichten kann.“

          Doch Knut hin, G8 und Rauchverbot, Heizpilz und Klimawandel her – all das handelt Tretter zwar in kunstvollen, sprachlich elegant geschwungenen Schlaufen ab. Doch in die kabarettistischen Annalen eingehen wird 2007 als das Jahr der Abschiede. Denn nicht nur über Gabriele Paulis Austritt aus der CSU und ihre Zukunft im politischen Asyl – schließlich sind „Frauen, die Deutschland terrorisieren, bei den Grünen immer willkommen“ – lässt sich trefflich spotten und satirisch spekulieren. Auch die Grünen haben mit Oswald Metzger nicht weniger als „ihre Domina verloren“, Müntefering reichte seinen Abschied ein, und Edmund Stoiber, nach den „Passionsspielen“ der CSU flugs von Bayern nach Europa ausgewandert, wird in der Münchner Staatskanzlei womöglich kaum vermisst.

          Gefragter denn je

          Dem deutschen Kabarett indes, da beißt die Maus keinen Faden ab, werden die unvergesslichen Momente eines großen Redners mit Sicherheit ganz furchtbar fehlen. Das freilich gilt, womit wir beim nicht ganz so fröhlichen Teil dieser Jahresendabrechnung wären, auch für Mathias Tretter, der sich zwar keineswegs von der Bühne verabschiedet, im Gegenteil. Seit er im sonntäglichen „Kulturfrühstück“ des Hessischen Rundfunks die Nachfolge von Urban Priol angetreten hat, ist er gefragter denn je. Doch im Frankfurter Stalburg-Theater, wo er seit fast vier Jahren Monat für Monat vor ausverkauftem Haus satirische Bilanz gezogen hat, wird er von nun an seltener zu Gast sein. Denn der Mann, den Michael Herl einst für Frankfurt entdeckt hat, ist mittlerweile längst auf den Bühnen in ganz Deutschland unterwegs.

          Das mag man zwar als Freund des Kabaretts am Main bedauern, indes, Tretters Abschiedsgeschenk an den Leiter des Theaters bescherte dem Publikum noch eine unerwartete Pointe. Und eine letzte, nur von Michael Herl zu beantwortende Frage. Doch welches Plätzchen immer er am Ende finden wird für das Porträt von Roland Koch, ob im Theater oder überm Bett und in den eigenen vier Wänden: Herl und der Stalburg wird Mathias Tretter auch in Zukunft mit Satire, Spott und Kalauer verbunden bleiben. Im Februar, also erst nach der Wahl, in der sich der Sammlerwert für Kochs Konterfei noch einmal neu entscheidet, ist er mit seinem aktuellen Programm „Deutschland. Ein Gummibärchen“ zu Gast.

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