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Justin Timberlake in Frankfurt : Vom Laufsteg ans Lagerfeuer

Lässt sich nicht verbiegen: Justin Timberlake - hier bei einem Konzern in London im Februar. Bild: Getty

Wenn Justin Timberlake in der Frankfurter Festhalle auftritt, ist der Saal natürlich ausverkauft. Schade nur, dass das Publikum im Soundgetöse kaum etwas hören kann.

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          Wüsste man es nicht besser, könnte einem gerade der Gedanke kommen, sich verlaufen zu haben. Aber nein, dies ist schon die ehrwürdige Frankfurter Festhalle und nicht irgendeine miese Diskothek mit einer noch mieseren Soundanlage. Allerdings hört sich der Tonbrei, den ein einsamer DJ auf einem gigantischen, fast die gesamte Länge des Innenraums der Halle in Anspruch nehmenden Laufstegs anrührt, genau danach an: komplett übersteuert und fast unerträglich laut. Da der DJ aber vermutlich taub ist, kümmert ihn das Leiden mancher Besucher in der vollgepackten Halle nicht. Schließlich geht er nur seinem Job nach, die vielen tausend Konzertgänger auf die Attraktion des Abends einzustimmen. Dass dies auch bedeutet, die zu erwartende Tonqualität vorgeführt zu bekommen, kann allerdings niemand ahnen.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun sind die Klagen über den Sound in der Festhalle zwar legendär, doch haben die meisten Tonmeister den Saal dann doch im Griff, was oft eine Frage des Fingerspitzengefühls, aber keine der Materialschlacht sein dürfte. Eine solche ist jedoch Justin Timberlakes aktuelle „The Man of the Woods“-Tour, die den amerikanischen Starsänger auch zu gleich zwei Konzerten in die Festhalle führt.

          Baum-Attrappen und Country-Romantik

          Gespart wird hier an nichts: nicht am 15 Köpfe zählenden, Tennessee Kids genannten Ensemble aus Musikern und Tänzern, nicht an der beeindruckenden Bühne, die sich dank des Laufstegs längs durch die Halle zieht und Timberlake erlaubt, mal in der Mitte der Festhalle, mal am Ende des Innenraums zu performen und so allen Fans auf dem Parkett ganz nah zu sein. Der Laufsteg ist mit einigen Baum–Attrappen versehen, außerdem ist auf einem Abschnitt ein Lagerfeuer vorbereitet, ganz so, als solle einem die milde Country-Romantik auf Timberlakes jüngstem Album wenn nicht mit dem Zaunpfahl, so doch mit einem Holzscheit verabreicht werden.

          Die Streichhölzer dürfen gleichwohl erst einmal verpackt bleiben, denn mit Timberlakes Erscheinen auf der Bühne geht es erst einmal funky los. „Filthy“, erste Single vom jüngsten Album, steht an, ein Song, der Timberlakes großes Talent zeigt, aus Funk, R&B, Electro und in diesem Fall Rock ein absolut heutiges Amalgam zu schaffen, das nebenbei auch noch den aktuellen Stand der High-End-Produktionstechnik vorführt. Zumindest ist dies der Fall, wenn man das Lied aus der Konserve hört. Auf der Bühne jedoch ist davon nichts zu bemerken.

          Auch Timberlakes Stimme geht im Gedröhne unter. Den mittlerweile 37 Jahre alten Sänger ficht das nicht an, vermutlich hört er sich über seine Ohrmuschel ja bestens. Also tänzeln, hopsen und schweben Timberlake und seine Entourage über Bühne und Laufsteg, dass es eine Pracht ist, derweil die Smartphones vieler entzückter Besucher vor lauter Videofilmerei bald heiß laufen müssten.

          Cool auf Tour: Justin Timberlake, hier bei einem Konzert in Oslo.

          Schockgefroren sind dagegen wohl weiterhin die Techniker an den Mischpulten, die nichts unternehmen, die Darbietungen der mit reichlich Gebläse ausgestatteten Band hörbarer zu gestalten. Als selbst der große Hit „SexyBack“, eigentlich ja ein todsicherer Crowdpleaser, nicht in einem tausendfachen Chor endet, bemerkt irgendjemand, dass es helfen könnte, wenigstens die Lautstärke etwas zu regulieren, was tatsächlich eine leichte Verbesserung bedeutet. „Man of the Woods“, „Higher, Higher“ oder „Suit & Tie“ sind angenehmer zu hören und werden mit entsprechendem Jubel begrüßt. Die Finessen dieser Songs, hinter denen Produzentengenies wie The Neptunes oder Timbaland stehen, erschließen sich in den Live-Versionen aber leider nicht, wenngleich frühe Hits wie „My Love“ und „Cry Me A River“ mächtig für Stimmung sorgen.

          Die trübt Timberlake mit der Lagerfeuer-Episode aber etwas, will diese Einlage doch keinen recht Sinn ergeben, außer jenen, ordentlich Futter für eine fotografierwütige Masse zu liefern. Jedenfalls hocken sich Timberlake und seine Band um ein loderndes Feuer und singen sich gegenseitig etwas vor, allerdings Lieder, die wohl kaum jemand an einem Lagerfeuer anstimmen würde, gibt es doch von Fleetwood Mac, Lauryn Hill, den Beatles und John Denver wesentlich lagerfeuertauglichere Songs als „Dreams“, „Ex-Factor“, „Come Together“ und „Thank God I’m A Country Boy“.

          Doch vielleicht geht es im ländlichen Tennessee ja ganz anders zu oder Timberlake wollte sich einfach nur mal die Wandergitarre umschnallen, ein Pink-Floyd-T-Shirt tragen und ein Landei sein, bevor er und seine Tänzer sich wieder in die Choreographien stürzen und für insgesamt zwei Stunden zur Party in die Disco laden, in der seine Hits wie „Rock Your Body“ „Summer Love“ oder „Can’t Stop The Feeling“ jeden auf die Tanzfläche locken, egal wie bescheiden sich die Musik aus den Boxen anhören mag.

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