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Junge Frankfurter Kunst : Paradiesgärten auf Motorhauben und Autos in Mexiko

  • -Aktualisiert am

Städel-Spuren: Giulietta Ockenfuß in ihrer Wohnung in der Nähe des Merianplatzes Bild: Frank Röth

Die Künstlerin Giulietta Ockenfuß kennt sich aus mit malerischer Macho-Kultur und der Zusammenarbeit mit Kolleginnen. Für die Zukunft hat die Frankfurterin einiges geplant.

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          Eigentlich meint man, das Bild zu kennen. Bloß mutet Giulietta Ockenfuß’ malerische Reminiszenz an das spätgotische „Paradiesgärtlein“ im Städel ausgesprochen zeitgenössisch an. Hier haben sich keine Heiligen mit Maria und dem Christuskind im Paradies versammelt. Junge, selbstbewusste Städterinnen bevölkern den üppig bepflanzten Garten. Auch die flotte Malweise hebt sich deutlich vom Duktus des Oberrheinischen Meisters ab.

          In der Neufassung stößt der Betrachter, wie auch im „Paradiesgärtlein“, auf etliche Vögel. Sie offenbaren Ockenfuß’ Blick für kleine Details. Eine der Frauenfiguren erinnert recht deutlich an die Frankfurter Künstlerin Sonja Yakovleva. „Ich habe bei allen Figuren an bestimmte Personen gedacht“, bestätigt Ockenfuß. Das mit Lack auf die Motorhaube eines Autos aufgetragene Gemälde steht in ihrer Wohnung unweit des Merianplatzes, die sie auch als provisorisches Atelier nutzt. Dort wuchs sie auf: „Wir sind hier gerade in meinem alten Teenie-Zimmer.“

          Die Nachmittagssonne scheint in den Raum hinein, der Blick fällt auf ein weiteres Motorhaubengemälde, das männliche Aktfiguren in einer bergigen Landschaft zeigt. Ockenfuß legt Wert darauf, dass in der Malerei nicht immer nur die Frau als Akt dargestellt wird. Beide Bilder kamen unlängst in Luftpolsterfolie verpackt aus Berlin zurück. 2018 zeigte Ockenfuß sie in der Gruppenausstellung „Losing My Virginity“ in der Galerie Robert Grunenberg. Dort sei auch eine mit Yakovleva entwickelte Gemeinschaftsarbeit zu sehen gewesen. Sie arbeite oft gemeinschaftlich.

          Gemeinschaftliches Arbeiten

          Zusammen mit der Künstlerin und Filmemacherin Catherina Cramer hat sie im Herbst das erste Kapitel der Kurzfilmserie „Unleash the Beast“ fertiggestellt. Die Dreharbeiten fanden 2019 in Mexiko statt. Ein Reisestipendium der Hessischen Kulturstiftung brachte Ockenfuß dorthin: „Wir haben unglaublich viel Material.“ Das erste Kapitel der Serie, „The Aquatic Ape“, ist eine fiktionale Dokumentation mit performativen Elementen. Ockenfuß und Cramer, heißt es in einer Ankündigung, hätten Interviews mit Mexikanern geführt, die ihnen ihre Geschichten erzählten und über ihre Beziehung zum Element Wasser berichteten. Für die Kostüme hätten die Künstlerinnen mit bekannten mexikanischen Kunsthandwerkern zusammengearbeitet. Zudem hätten sie Masken gefertigt.

          In Mexiko sei viel indigene Folklore anzutreffen, es sei aber gleichzeitig ein hochmodernes Land, berichtet Ockenfuß. Eine Einteilung in hohe Kunst und Volkskunst gebe es dort nicht: „Die Alltagskunst wird in Mexiko sehr ernst genommen.“ Möglicherweise werde „The Aquatic Ape“ in den Düsseldorfer Räumlichkeiten der Julia Stoschek Collection gezeigt. Zuvor gebe es eine digitale Premiere.

          Ihr künstlerisches Schaffen teilt Ockenfuß in jeweils zwei Blöcke ein: zum einen in Malerei und Performance, zum anderen in eine individuelle und eine kollaborative Arbeitsweise. Die Blöcke ergänzten sich, stießen einander zuweilen aber auch ab. „Im Film funktionieren bestimmte Dinge besser, die mir in der Malerei Probleme machen“, sagt die 1986 geborene Künstlerin. Sowohl ihre filmische als auch ihre malerische Tätigkeit wolle sie weiter betreiben.

          Vieles geplant für die Zukunft

          Ockenfuß hat an der Düsseldorfer Kunstakademie bei der Bildhauerin Rita McBride studiert. Düsseldorf sei eine sehr traditionelle Malereischule, sagt sie. Ihr ist es wichtig, die Kunstgeschichte und die Regeln der Malerei zu kennen: „Aber ich bin nicht verpflichtet, sie zu befolgen oder ernst zu nehmen.“ An der Düsseldorfer Akademie erlebte sie eine Macho-Kultur. Unter dem damaligen Rektor Markus Lüpertz sei Performance ein „total rotes Tuch“ gewesen. „Wir haben damals sehr aktionistisch und provokativ agiert“, erinnert sie sich. „Gleichzeitig habe ich diese ganze Macho-Ausbildung auch mitgemacht“, fügt sie hinzu. Im Denken und Sprechen kann sie zupackend und kämpferisch sein – und gleichzeitig überaus herzlich auftreten.

          Nach zehn Jahren in Düsseldorf kehrte Ockenfuß an ihren Geburtsort zurück. Die damals noch in Frankfurt lebende Künstlerin Anne Imhof hatte sie gefragt, ob sie für ihr später mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnetes „Faust“-Projekt zur Venedig-Biennale 2017 tätig werden wolle. Imhof kennt Ockenfuß noch von ganz früher: „Aus den Feierzeiten, vom Robert Johnson“, sagt sie in Anspielung auf den berühmten Offenbacher Club. Sie sagte zu. „Dann war ich eben hier“, erzählt sie: „Ich mag Frankfurt schon.“ Es sei nicht ihre Traumstadt, biete sich aber an. Und sie nehme es dankend an.

          Fragt man Ockenfuß nach ihren Vorhaben, kann sie vieles berichten. Sie will weiter mit Lack auf Metall malen, aber auch ein Siebdruckprojekt fortführen. Weitere Kapitel des Films „Unleash the Beast“ sind ebenfalls in Planung, ebenso eine Publikation dazu. Ockenfuß kündigt überdies mehrere Ausstellungen an. Ein ganz besonderes Anliegen aber kann sie derzeit nicht umsetzen. Eigentlich, sagt Ockenfuß, möchte sie in die Vereinigten Staaten fliegen. Sie will dort den Führerschein machen und ein Auto kaufen. Mit ihm möchte sie nach Mexiko fahren, um das Auto dort zu verkaufen und anschließend einen Film über ihren Trip zu machen. Die Pandemie hat dem Projekt vorerst einen Riegel vorgeschoben. Nun hofft Giulietta Ockenfuß auf das Jahr 2021.

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