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Junge Akrobaten im „Tigerpalast“ : Viel Talent, aber noch wenig Erfahrung

  • -Aktualisiert am

Die „Weiße Krähe” flog, das Premieren-Publikum im „Tigerpalast” staunte Bild: Wonge Bergmann

Im „Tigerpalast“ ist es wie im Magistrat: Der Nachwuchs betritt die Bühne, doch ohne gestandene Profis geht es nicht. Bei der Herbstpremiere hätte sich so mancher Jungpolitiker etwas von den Nachwuchs-Artisten abschauen können.

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          Die Regierungsbank im „Tigerpalast“ ist weich, angenehm weich - also genau der richtige Ort für gestreßte Magistratsmitglieder. Erfahrene Kämpen der Frankfurter Stadtregierung wie Planungsdezernent Edwin Schwarz und natürlich auch Oberbürgermeisterin Petra Roth wissen das aus langer Erfahrung, die neuen Stadträte der schwarz-grünen Koalition wissen es vom Hörensagen. Und wollten bei der „Tigerpalast“-Herbstpremiere endlich selbst herausfinden, ob die Berichte der Altvorderen über die fabelhafte Regierungsbank in Frankfurts Vorzeige-Variete auch der Wahrheit entsprächen.

          Freilich hatten die Jungdezernenten zur Kenntnis zu nehmen, daß es eine natürliche Rangordnung gibt, die einen Minister, auch wenn es nur einer aus Wiesbaden ist, über einen hauptamtlichen Stadtrat stellt, mag letzterer auch wie Boris Rhein von echt Frankfurter Geblüt sein. Der neue Ordnungsdezernent mußte - aber das ist er ja schon aus dem Römer gewohnt - seine Ambitionen auf einen herausragenden Platz auf der Bank zurückstecken zugunsten von Finanzminister Karlheinz Weimar und Kunstminister Udo Corts. Dasselbe Los, nämlich sich mit einem Stuhl begnügen zu müssen, ereilte auch den frischgebackenen Sozialdezernenten Uwe Becker und den neuen Kulturdezernenten Felix Semmelroth - der sich indes damit trösten konnte, daß er zumindest geladen war, ein Privileg, von dem sein SPD-Vorgänger Hans-Bernhard Nordhoff in all seinen Amtsjahren nur hatte träumen können.

          „Grüner Problembär“ ist zahm geworden

          Doch die drei Neuen sind ja noch jung: Sofern das neue Römerbündnis von Öko und Konservativ nicht vorzeitig kollabiert, haben sie noch genügend Jährchen vor sich, um sich auf die berühmte Bank vorzuarbeiten. Zumindest wissen sie seit dem „Wort zu Frankfurt“ von Variete-Direktor Johnny Klinke, daß aus Berlin keine Gefahr mehr droht. Der „grüne Problembär“ Joschka Fischer, der noch vor fünf Jahren ein schwarz-grünes Bündnis verhindert hatte, sei, so Klinke, inzwischen von der für Menschen ohne ordentlichen Schulabschluß zuständigen Schuldezernentin Jutta Ebeling als Professor nach Princeton entsorgt und recht zahm geworden.

          Temperamentvoller Auftritt: Diabolo Jonglage von Pierre Marchand
          Temperamentvoller Auftritt: Diabolo Jonglage von Pierre Marchand : Bild: Wonge Bergmann

          Frische Kräfte braucht die Stadt. Nach diesem Motto haben nicht nur CDU und Grüne ihre neue Regierungsmannschaft gebildet, sondern auch Margareta Dillinger und Johnny Klinke ihre Bühnentruppe zusammengestellt. Mit dem jungen Diabolo-Jongleur Pierre Marchand aus Korsika, dem kanadischen Trapez-Duo Ssens und den beiden Budapester Kraftakrobaten Istvan und Gabor Deltai hat Variete-Direktorin Dillinger Artisten geholt, die am Anfang einer erfolgverheißenden Karriere stehen. Diesen Künstlern geht es wie den Frankfurter Jungdezernenten: viel Talent, aber noch wenig Erfahrung.

          Nicht nur aufs Können kommt es an

          Der gerade einmal 18 Jahre alte Marchand etwa, der im vergangenen Jahr Sieger des Wiesbadener Festivals für junge Zirkusartisten wurde, läßt nicht nur höchst kunstfertig seine Diabolos die Schnur entlangschnurren, der glutäugige Sonnyboy bezirzt auch mit temperamentvollem Charme seine Zuschauer. Er weiß ganz offensichtlich, daß es nicht nur aufs Können ankommt, sondern auch aufs Präsentieren. Boris Rhein, der Jüngste im Magistrat, hat Marchands Nummer gewiß besonders aufmerksam verfolgt.

          Doch mit dem Nachwuchs allein ist weder eine aufregende Variete-Show noch eine erfolgreiche Stadtpolitik zu machen. So wie es im Römer erfahrener Stadträte wie Edwin Schwarz oder Franz Zimmermann bedarf, so bedarf es im „Tigerpalast“ gestandener Bühnenprofis: Mit dem wunderbaren Chansonier Jean-Michel Fournereau hat Dillinger einen Conferencier unter Vertrag genommen, wie man ihn sich charmanter nicht vorstellen kann. Und wenn Fournereau Mitte September wieder nach Paris zurückkehren wird, übernimmt die unvergleichliche Liliane Montevecci die Herrschaft auf der Bühne. Wirklich schade, daß diese beiden Sänger und Entertainer nur am Premierenabend zusammen aufgetreten sind, ihre musikalische Hommage an Paris hat die Gäste von Zentralrats-Vize Salomon Korn über Flughafen-Chef Wilhelm Bender oder Messe-Geschäftsführer Michael von Zitzewitz geradezu hingerissen.

          „Weiße Krähe“ in die Luft geschleudert

          Welches internationale Renommee der „Tigerpalast“ mittlerweile besitzt, zeigt das Engagement des Trios „Weiße Krähe“. Nachdem die drei jungen Leute bei der Weltmeisterschaft der Nachwuchsartisten in Paris als Sieger aus der Manege gegangen waren, standen die Abgesandten der großen Shows in Las Vegas und anderswo sofort Schlange, um diese Meister des russischen Barrens für ihre Häuser zu gewinnen.

          Die „Weißen Krähen“ haben sich auf Anraten ihres klugen Managers aber gegen die Konzerne und für den „Tigerpalast“ entschieden, denn nirgendwo in der Welt findet man ein Haus mit einer derart dichten Atmosphäre - das ideale Haus für junge Artisten, wo sie in hautnahem Kontakt mit dem Publikum und unter der freundlichen Führung von Margareta Dillinger reifen können. Mit staunenden Augen hat das Premierenpublikum verfolgt, mit welcher Kraft die beiden Männer am Barren ihre „weiße Krähe“ in die Luft schleuderten und mit welcher Eleganz dieser schöne Vogel dort oben seine Saltos schlug. „Ach, könnte mein Magistrat doch auch so harmonisch Regierungskunststückchen vorführen“, mag sich Oberbürgermeisterin Roth gedacht haben. Immerhin haben ihre neuen Mitstreiter jetzt gesehen, daß so etwas geht.

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