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Jüdisches Museum Frankfurt : Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung

Moritz Daniel Oppenheim, „Moses mit den Gesetzestafeln“ Bild: EPA

Gedankenräume und Gefühlswelten: Kunst aus dem 19. Jahrhundert und der Gegenwart spielt eine wichtige Rolle im neuen Haus. Die Werke des jüdischen Künstlers Moritz Daniel Oppenheim werden umfassend präsentiert.

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          Ein starkes Zeichen, eine klare ästhetische Setzung, und doch keine eindeutige Botschaft: Ariel Schlesingers Arbeit aus Aluminium mit stählernem Kern, prominent vor dem neuen Museum plaziert, ist ein offenes Kunstwerk, ohne beliebig zu sein. Denn gewiss hat es etwas mit dem Ort zu tun, mit dem Museum, mit dem Judentum in Frankfurt, in Deutschland. Die Großskulptur stimuliert Assoziationen, spricht unterschiedliche Gefühle an, lädt zu Deutungen ein. Sie zeugt aber zuallererst von der Absicht, in diesem Haus auch und gerade einem künstlerischen Zugang zu Thesen und Themen Raum zu geben.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Und damit einer Sicht auf die Dinge, die deren Komplexität in den Blick nimmt, Ambivalenzen zulässt, widersprüchliche Emotionen hervorruft. So sind die beiden kahlen Bäume, von denen einer wipfelüber auf dem anderen steckt, von einer kühlen abstrakten Schönheit. Sie bieten von unterschiedlichen Perspektiven aus stets einen anderen Anblick. Der obere Baum reckt die Wurzeln in die Luft, auch der untere steht nicht fest in der Erde, scheint vielmehr über dem Sichtbetonboden zu schweben, der ohnehin nicht geeignet scheint, ein Gewächs mit Nahrung zu versorgen.

          Er habe, sagt der 1980 geborene israelische Künstler, der 2017 den Wettbewerb um die Gestaltung des Museumsvorplatzes gewonnen hatte, etwas Lebendiges schaffen wollen, das aber auch das Trauma und die Zerstörung in sich trage. Alles Leben sei auf Beziehung angelegt, daher die Doppelung. Damit spielt er auch auf das Verhältnis der Frankfurter Juden zu ihrer Stadt an, auf das Zusammenleben von jüdischen und nichtjüdischen Bewohnern, Verbundenheit und Verstrickung, Anpassung und Entwurzelung. Schlesinger nimmt zudem die Metapher vom Baum des Lebens aus der hebräischen Bibel auf: Ein Baum, der abgestorben wirkt, trägt dennoch wieder neues Grün. Dieses Kunstwerk ist somit auch Ausdruck von Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung.

          Ein Chronist dieser Zeit

          Und damit gar nicht so weit entfernt vom Geist eines Gemäldes, das 200 Jahre früher entstanden ist. Moritz Daniel Oppenheim (1800 bis 1882) war der erste jüdische Künstler, der eine akademische Ausbildung genoss. Sein kraftvoll-jugendlicher „Moses mit den Gesetzestafeln“, 1817/18 verfertigt, zeugt von der Emanzipation der Juden ebenso wie von der jüdischen Aufklärung und der Aneignung westlicher Maltraditionen. Das Bilderverbot ist überwunden, die Gettos sind aufgelöst, die bürgerliche Gesellschaft entwickelt sich, jüdische Bürgerinnen und Bürger sind wesentlich daran beteiligt. Oppenheim wird der Chronist dieser Zeit mit ihrer Kultur, ihren Sitten und Moden, er porträtiert die Wohlhabenden, malt aber auch „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben“ mit seinen wiederkehrenden Ritualen, der Feier von Festtagen, dem Gebrauch von Kultgegenständen.

          Im neuen Jüdischen Museum werden Oppenheims Werke umfassend präsentiert. Zeitgenössische Pendants zu seinen Genrebildern sind die Fotografien von Peter Loewy, die Einblicke geben in private jüdische Lebenswelten von heute, wo neben Nippes und Alltagsgegenständen auch religiöse Objekte zu finden sind. Moderne, postmoderne Kunst durchzieht das gesamte Haus. Benyamin Reich, 1976 nahe Tel Aviv geboren, und Ruth Schreiber, 1947 in London zur Welt gekommen, werfen in ihren Foto- und Videoarbeiten Fragen nach dem Sinn von Ritualen, der Bedeutung von Herkunft, dem Zusammenhang von Religiosität und profanem Alltag auf. Nir Alon, Jahrgang 1964, hat mit „The Glory and The Misery of Our Existence (Sorrow of Others)“ eine Installation aus Möbeln und Leuchten geschaffen, die er auf den Kopf stellt. Eine ständige Erinnerung daran, dass wir uns nicht auf Gewissheiten ausruhen dürfen, sondern die Sachen gelegentlich noch einmal ganz neu denken sollten.

          Künstlern wird nachgesagt, sie hätten ein feines Gespür für Zukünftiges. Auf Ludwig Meidner trifft das zweifelsohne zu. Er hat vor dem Ersten Weltkrieg mit seinen apokalyptischen Landschaften die Schrecken des 20. Jahrhunderts visionär vorweggenommen. Es wurde allerdings grausamer, als er es sich ausmalen konnte. Im englischen Exil schuf er den Bilderzyklus „Massacres in Poland“, der aufgrund von Nachrichten über die Massenmorde an Juden in Osteuropa entstand. Nun sind die Aquarelle und Kohlezeichnungen als erste Wechselausstellung im neuen Museum zu sehen.

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