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Jon Spencer Blues Explosion : Liebesschwüre, Schimpftiraden

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„Jon Spencer Blues Explosion” im Frankfurter Mousonturm: Bandchef Jon Spencer und sein Faible für die wilden fünfziger Jahre Bild: AFP

„Jon Spencer Blues Explosion“ nehmen ihren Namen durchaus wörtlich. Im Frankfurter Mousonturm demontierte das New Yorker Trio mit diabolischer Lust den einst auf Baumwollfeldern ersonnenen Blues, um ihn dann wieder neu zusammenzusetzen.

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          „Jon Spencer Blues Explosion“ nehmen ihren Namen durchaus wörtlich: Fliegen dem Auditorium doch schon zum Auftakt des Gastspiels im Frankfurter Mousonturm wie nach einer Detonation mit Dynamit heillos Fragmente jenes Genres um die Ohren, das jahrzehntelang als absolutes Nonplusultra im Rock’n’Roll galt: Blues. Ein recht schlichter Stil in zumeist drei Akkorden und zwölf Takten, für den Pionier Robert Johnson einst angeblich seine Seele an den Teufel verkaufte, dem sich B.B. King nun schon ein ganzes Leben lang widmet und der britischen Musikern wie den Rolling Stones, Steve Winwood oder Eric Clapton zu Ruhm und Reichtum verhalf.

          Ein satter Geldsegen blieb für „Jon Spencer Blues Explosion“ bislang ebenso aus wie weltweite Anerkennung im großen Rahmen. Nicht weiter verwunderlich bei einem nur gering konsensfähigen Konzept, das mit wüsten Experimenten bis zur Kakophonie jeden wahren Puristen binnen Sekunden an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treibt. Mit diabolischer Lust und ungehemmter Zerstörungswut demontiert das New Yorker Trio den einst auf den Baumwoll- und Tabakfeldern des Mississippi-Delta ersonnenen Blues, um ihn anschließend wieder neu zusammenzusetzen.

          Wie ein herber Faustschlag in die Magengrube

          Auch 18 Jahre nach Gründung ist auf das Trio Verlass, wenn es wie im gnadenlosen Blitzkrieg die Lunte mit sofortigem Knalleffekt zündet. Wie ein herber Faustschlag in die Magengrube sitzen geballte Attacken vom ersten berstenden Akkord an. Atemlose Duelle im Drei-Minuten-Takt für zwei in Rückkopplung splitternde E-Gitarren und ein brachial donnerndes Schlagzeug. Die mutwillige Dissonanz im Kontext mit einem häufig wechselnden Tempo rücken das Ensemble fast schon in die Nähe von Avantgarde. Wären da nicht immer wieder bösartige Bruchstücke, die den lasterhaften Cousin des Rock’n’Roll beschwören: Rockabilly.

          Dass Bandchef Jon Spencer ein Faible für die wilden fünfziger Jahre hat, lässt sich nicht nur an der manisch überschnappenden Stimme erkennen, die ein wenig an Elvis Presleys damals größten Konkurrenten Carl Perkins erinnert. Auch Spencers hautenge Lederhosen zu tailliertem Hemd greift eine Modewelle jener Ära auf, der einst auch Johnny Cash und Roy Orbison frönten. Perfekt setzt sich die Reminiszenz an eine längst vergangene Zeit in den Texten fort: gestammelte Liebesschwüre, völlig übertriebene Selbsteinschätzung oder aber harsche Schimpftiraden. Doch wälzt sich der 42 Jahre alte Haudegen nicht mehr wie zum Start der Karriere minutenlang auf dem Boden herum oder springt vor Wut schnaubend im Publikum umher.

          Saftige Soli auf der Mundharmonika im Stile des Country Blues

          Selbst die ehedem von Fans geschätzten verbalen Ausbrüche finden sich nur noch innerhalb zügig abgespulter Songs. Heutzutage weiß Jon Spencer seine Energie zu kontrollieren, zügelt die einst zur Schau getragene Aggression. Überlässt auch Schlagzeuger Russell Simins und Gitarrist Judah Bauer genügend Spielraum zur Entfaltung. Besonders Bauer darf mit saftigen Soli auf der Mundharmonika im Stile des Country Blues brillieren. Es scheint, als sei Jon Spencer mit zunehmender Reife milde geworden. Eine Entwicklung, die sich in der seit 2004 offiziell gemachten Namenskürzung in „Blues Explosion“ widerspiegelt – auch wenn alle Welt weiterhin die alte Schreibweise bevorzugt.

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