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Fast blind : Der Popstar unter den deutschen Galeristen

Die Anfänge der Galerie

Am Ende stand es für König fest, dass er etwas mit Kunst machen wollte. Doch was? Künstler zu werden, traute er sich nicht, weil er tief im Innern wusste, dass er keiner war. Aber König spürte in sich eine besondere Fähigkeit, nämlich mit Künstlern zusammenarbeiten zu können. Die rettende Idee lautete: eine Galerie gründen. Doch woher das Geld dafür nehmen? Die Banken, bei denen er um einen Kredit bat, lehnten allesamt ab. Wer wollte schon einem fast blinden jungen Mann Geld geben? König hatte etwas Geld von seiner Großmutter geerbt. Es reichte zwar nicht für eine Galerie, aber sein Vater lieh ihm noch 20.000 Euro – der finanzielle Grundstein für eine Galerie war gelegt.

Fehlten nur noch Räume. König entschied sich für Berlin, dort fand er ein Domizil am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte gegenüber der Volksbühne im Gebäude des Babylon-Kinos, einem Poelzig-Bau. Das Problem war nur, dass König noch kein Abitur gemacht hatte. Irgendwie schaffte er es, neben den Vorbereitungen zur Galeriegründung alle schriftlichen Prüfungen zu überstehen und nicht durchzufallen.

Die mündliche Prüfung versäumte er jedoch, weil er am Abend zuvor bei der Eröffnung der Documenta in Kassel, der wichtigsten Kunstausstellung Deutschlands, gewesen war, bei der Rückfahrt am Morgen in der Bahn einschlief und den Ausstieg in Marburg verpasste. Telefonisch meldete er sich vom Bahnhof in Karlsruhe, wo er gelandet war, krank. Es fand sich ein freundlicher Arzt, der ihm ein Attest ausschrieb. Schließlich durfte er die mündliche Prüfung nachholen und bekam am Ende sein Abitur.

Eröffnung wird zum Flop

Am 24. Mai 2002 eröffnete Johann König seine Galerie mit einer Ausstellung von Arbeiten der Städelschülerin Michaela Meise. Sie wurde ein Flop. Es kamen gerade einmal 30 Leute, und König verkaufte nicht eine einzige Arbeit. „Ich war am Boden zerstört“, erinnert er sich. Eine Depression erfasste ihn, er saß am nächsten Tag nur in seiner Galerie und heulte. Es sollte nicht der einzige Rückschlag bleiben.

Die Tatsache, dass er am Rand des Ruins stand, konnte König nicht einschüchtern. Sein Freund Jeppe Hein hatte damals die Idee zu einer Arbeit mit einer rollenden Kugel, die den Galerieraum langsam zerstörte. König setzte alles auf eine Karte und wagte die Ausstellung. Sie wurde ein Erfolg. Die Kunde von der Show sprach sich in Berlin herum, es kamen Besucher ohne Ende, König verkaufte alle drei Exemplare der Kugel. Eine ist heute im Museum of Contemporary Art in Los Angeles zu sehen, eine zweite hat König Jahre später von einem Sammler zurückgekauft, um selbst dieses Werk zu besitzen, das ihm den Weg zum Erfolg öffnete.

In diesen Jahren des Beginns und der ersten Erfolge war Königs Sehkraft zeitweise auf eine einstellige Prozentzahl gesunken. Mit Malerei konnte der junge Galerist deswegen wenig anfangen, er konzentrierte sich vor allem auf hochintellektuelle Konzeptkunst. Fünf Jahre nach der Eröffnung seiner Galerie genoss Johann König schon den Ruf, alles verkaufen zu können. 2009 wurde er zum ersten Mal in die Liste der hundert weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kunst aufgenommen.

Ein Jahr zuvor hatte er sich abermals einer Hornhauttransplantation unterzogen, wobei eine neu entwickelte Methode zum Einsatz kam, die zu einem Erfolg führte: König konnte wieder sehen, wenn auch verzerrt. 2012 lernte er in Wien die Sprecherin eines dortigen Museums kennen, die beiden heirateten bald darauf, ihr Sohn Karli wurde 2012 geboren, ihre Tochter Greti 2016.

Heute ist Königs Sehkraft starken Schwankungen unterworfen. Mal sieht er mehr, mal weniger. Häufig erkennt er Menschen nur an ihrer Silhouette, an ihren Bewegungen oder anderen offensichtlichen Merkmalen. Wegen seiner eingeschränkten Sehkraft kann er Körperhaltungen, Gesten, Blicke und Gesichtsausdrücke anderer oft schlecht entziffern. Wenn man nur ein wenig sehe, hoffe man, dass man auch in Zukunft sehen werde, zitiert er den blinden Schriftsteller John Martin Hull. „Und genau das tue ich“, lautet Königs Lebensrezept.

Johann König: „Blinder Galerist“, Propyläen-Verlag, 167 Seiten, 24 Euro.

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