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Fast blind : Der Popstar unter den deutschen Galeristen

Aus dem alten Leben gerissen

König war vollkommen aus seinem alten Leben herausgerissen worden. Die Freundin war weg, er konnte nicht mehr in seine alte Schule gehen. Er war aus seiner Clique raus, aus seinem Schulchor. Es gab kein Schlittschuhlaufen mehr, kein Fahrradfahren. Weil er viel Cortison nehmen musste, ging er auf wie ein Luftballon: Mit 14 Jahren wog er mehr als 100 Kilogramm. Doch er war zumindest nicht allein. Seine Mutter Edda wich in jener Zeit der Genesung nicht von seiner Seite.

Vor dem Unfall hatte sein Vater ihn überallhin mitgenommen. Als sein Sohn wieder etwas mobiler war, setzte er das mit großer Selbstverständlichkeit fort. Kasper König ließ für sie beide ein Tandem bauen und fuhr mit Johann durch die Stadt. Er nahm ihn mit in die Städelschule, wo sich der Kreis der Lehrer und Studenten für den Jugendlichen bald wie eine Familie anfühlte. Auch in die Ateliers von Künstlern führte er seinen weitgehend blinden Sohn, zum Beispiel zu jenem von Jeff Koons in New York, wo er dessen glänzende Skulpturen ertasten durfte.

Kasper König hat seinen Kindern immer alle Freiheiten gelassen. Wichtig war ihm nur, dass sie Abitur machten. Auf der Förderschule, auf die Johann König nach seiner Rückkehr aus der Klinik ging, war das nicht möglich. So wechselte er denn mit 14 Jahren auf die Carl-Strehl-Schule in Marburg, die zur Blindenstudienanstalt gehörte, die über das einzige Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte in Deutschland verfügt.

Lebenspraktische Fähigkeiten

Dort lernte Johann König zuerst einmal lebenspraktische Fähigkeiten, zum Beispiel Kochen, Putzen und Waschen. Aber auch Rudern, Skifahren und Reiten. Als besonders wichtig sollte es sich für ihn erweisen, dass der Kunstlehrer dort seine Schüler auch mit moderner und zeitgenössischer Kunst vertraut machte. Statt klassische Kunstgeschichte behandelte er Marcel Duchamp und Joseph Beuys, die man nur verstehen konnte, wenn man sich mit den Konzepten und Philosophien beschäftigte, die ihrer Kunst zugrunde lagen. Es war denn auch zuerst einmal Konzeptkunst, die König später für seine Galerie entdecken sollte.

Ein guter Schüler war König nie. Statt zu lernen, hing er in Marburg lieber mit Freunden vor Supermärkten herum oder baute Wasserpfeifen aus Teekannen. Gute Noten erreichte er nur in den Fächern, die ihn wirklich interessierten: Computerunterricht, Englisch, Geschichte. Doch er lernte das wahre Leben kennen: Freundin, erster Sex, Liebeskummer. Erst viel später hat er verstanden, wie wichtig die Blindenanstalt für ihn war: Dort in Marburg, im Kontakt mit anderen Jugendlichen, die mit ähnlichen Problemen kämpften, gelang ihm eine erste Aufarbeitung des Unfalls, der sein Leben aus der Bahn geworfen hatte.

Während seines letzten Schuljahrs verbrachte Johann fast jedes Wochenende in Frankfurt. Die Eltern lebten nicht mehr dort, sie hatten sich getrennt: Kasper König war zum Direktor des Museums Ludwig in Köln berufen worden, Mutter Edda war nach München gezogen. Die Mainmetropole wurde trotzdem zum Lebensmittelpunkt des jungen König. Er besuchte jede Ausstellung im Städel, im Portikus, im Museum für Moderne Kunst, ging zu Galerie-Eröffnungen, zu Lesungen ins Literaturhaus, ins Theater. Er kreuzte in den Ateliers der Kunststudenten an der Städelschule auf, besuchte ihre Partys. Jeder wusste dort, dass er der Sohn des verehrten Kasper König war. Im Dezember 2000 klinkte er sich in die Gründung von „Lola Montez“ ein, eines Kunstraumes hinter der Konstablerwache, der heute unter der Osthafenbrücke untergebracht ist. Immer stärker ging König in der Frankfurter Kunstszene auf, er fand in dem Künstler Jeppe Hein, den er heute als Galerist vertritt, einen Freund.

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