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Junge Malerei aus Deutschland : Immer verrätselt

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Junge Malerei aus Deutschland: Blick in die Ausstellung „Jetzt!“ im Museum Wiesbaden Bild: Bernd Fickert

In Wiesbaden ist von Donnerstag an die Ausstellung „Jetzt!“ mit junger Malerei aus Deutschland zu sehen. Sie bietet einen Überblick über den gegenwärtigen Stand eines traditionsreichen Mediums.

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          Der Ausstieg aus dem Bild war vorgestern. Zwar wurde immer gemalt, aber kunstkritisch und avantgardetheoretisch war das klassische Medium mit dem Hang zur Nachahmung des Augenscheinlichen längere Zeit abgemeldet. Bis aus Konzeptualismus und Minimal Art keine Funken mehr zu schlagen waren und selbst Beuys sich nurmehr wiederholte. Der Rückschritt war unausweichlich, die Malerei gelangte um 1980 zu neuen Ehren, mitsamt Punk und anderen enthemmenden Ausdrucksformen und Aufputschmitteln drückten die Neoexpressiven auf die Tube, so dass die Farbe dick und dämlich daraus floss, nichts sollte mehr etwas bedeuten, es gehe allein um Malerei als Malerei, war die gebetstrommelartig vorgebrachte Sinnverweigerungsmaxime.

          Die Pinselwut war ein Lebensgefühl. Irgendwann kam die Wende, und ostdeutsche Maler, akademisch geschult, drängten auf den aufnahmewilligen Markt. Gegenständliches verkaufte sich glänzend, gern leicht verrätselt, dekoriert mit Symbolen aus diversen deutschen Diktaturen, ein Spiel mit dem politisch Anrüchigen, darin den West-Wilden nicht unähnlich. Und es wurde weitergemalt. Junge Künstler knüpften an das an, was ältere Generationen an Destruktion und Neukonstruktion geleistet hatten, und sie tun es noch immer, wie die Ausstellung „Jetzt! Eine Reise durch die aktuelle junge Malerei in Deutschland“ auf ausführliche Weise belegt.

          Wiesbaden, Bonn, Chemnitz

          Sie findet zur gleichen Zeit an drei Orten statt, in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden, alles in allem sind etwa 500 Werke von 53 Künstlerinnen und Künstlern zu sehen, von denen jeweils in jedem der drei beteiligten Museen bis zu vier Arbeiten präsentiert werden, und später fassen die Deichtorhallen Hamburg eine große Auswahl daraus in einer einzigen Schau zusammen. Etliche Kuratoren haben sich an den Kunsthochschulen und in den Ateliers umgesehen, allein die Schau im Museum der hessischen Landeshauptstadt hat einen erstaunlichen Umfang mit 164 Werken in 15 Ausstellungsräumen.

          Die Ästhetik der künstlerischen Moderne im 20. Jahrhundert scheint hier in so gut wie all ihren Phasen wiederaufgenommen zu werden, das All-over eines Jackson Pollock ist ebenso beliebt wie die Analyse des Bildes und des Bildträgers mit der Herauspräparierung der Grundlagen aller Malerei. Da wird beispielsweise der Pinselstrich als solcher gefeiert, der Keilrahmen zum Thema, und immer wieder geht es um die malerische Praxis, das Aufbringen von Farben in mehreren Schichten.

          Experimente mit der Oberfläche, die sich wegen aufgetragener Chemikalien gleichsam selbst gestaltet hat, erinnern an Sigmar Polke, kleinteilige Kritzeleien an Cy Twombly, die Herstellung von Leere an Robert Ryman, Hard Edge, Farbflächenmalerei, abstrakter Expressionismus werden fröhlich zitiert, desgleichen das deutsche Informel.

          Keiner malt mehr nach der Natur, das Figurative ist allemal Secondhand, kann dann aber einen geradezu unheimlichen Zauber entfalten wie bei Vivian Greven, deren Personen wie klassizistische Plastiken wirken und mittels obskurer Pigmente einen zusätzlichen Touch von Künstlichkeit erhalten. Überhaupt ist das Artifizielle der Farbgebung bei einer Reihe von Arbeiten bemerkenswert, ein Reflex womöglich auf eine mediale Welt, in der die Natur längst ausgespielt hat, Kunst ist Künstlichkeit, was sonst.

          Eindruck des Rätselhaften dominiert

          Auch die Klarheit, die im Gewand der Geometrie aufzutreten pflegte, ist dahin, wie man einigen konstruktivistisch anmutenden Bildern entnehmen kann, hier werden die Verunsicherung, der Zweifel, das Misstrauen an einst gängigen Kunstideologien mitgemalt, und nicht anders verhält es sich mit nachgerade realistisch anmutenden Werken, die mit penibler Akkuratesse ausgeführt wurden, aber mit kristalliner Deutlichkeit doch nur das Irreale zeigen.

          So dominiert letztlich der Eindruck des Rätselhaften und Unauflösbaren. Und dass es sich hier vorwiegend um Kunst über Kunst handelt, was nicht das Schlechteste ist, weiß sie doch, dass ein jeder auf den Schultern von anderen steht. So malt etwa Moritz Neuhoff wilde Gesten akribisch nach: Ausgelassenheit und Unbekümmertheit waren gestern.

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