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Literaturhaus Frankfurt : Wenn der Muschelsucher vorliest

Vom Verleger zum Krimiautor: Es ist noch nicht allzu lange her, dass Jörg Bong sein Pseudonym auch selbst gelüftet hat und Auftritte absolviert. Bild: Véronique Brod

Der Krimiautor Jean-Luc Bannalec stellt im Literaturhaus in Frankfurt sein neues Buch „Bretonische Spezialitäten“ vor. Er liest zum ersten Mal in der Stadt, in der er als Jörg Bong bekannt ist.

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          Jetzt brauchte man einen Bretonen. Die können gut fluchen, heißt es. Das wäre jetzt genau das Richtige. 700 Fans hätten sich im Schauspiel Frankfurt versammeln können, dicht gedrängt wie die Austern auf den Muschelbänken im Meer vor Saint-Malo, stattdessen sitzen knapp 50 Bannalec-Liebhaber artig im Lesesaal des Literaturhauses, halten Abstand und erinnern an einen geplünderten Marktstand. Immerhin: Weitere 63 schauen mit Streaming-Tickets von zu Hause aus zu. Zum Glück sitzt vorn auf der Bühne ein Fachmann für die französische Küstenregion, der die Lage in das richtige Licht rücken kann. Jean-Luc Bannalec, Verfasser von Krimis, die sich allein in Deutschland mehr als vier Millionen Mal verkauft haben, stellt sein neues Buch vor, „Bretonische Spezialitäten“. Und liest zum ersten Mal in der Stadt, in der er als Jörg Bong bekannt ist, lange Jahre verlegerischer Geschäftsführer des S. Fischer Verlags.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Wir freuen uns, dass dieser Franzose so viele Frankfurter Bezüge hat“, sagt Hausherr Hauke Hückstädt zur Begrüßung. „Bonsoir, Jean-Luc“, fügt Margarete von Schwarzkopf hinzu: „Ich darf mich auf Deutsch mit ihm unterhalten.“ Es ist noch nicht allzu lange her, dass der schon vor geraumer Zeit als Bong enttarnte Bannalec sein Pseudonym auch selbst gelüftet hat und Auftritte absolviert. Das Spiel mit der Situation macht daher ersichtlich allen Freude, gerade hier.

          Noch mehr Spaß aber haben Bong, Schwarzkopf und der für das Lesen der Textpassagen angeheuerte Schauspieler Wolfram Koch am gemeinsamen Schwärmen von der Bretagne, die alle drei bestens kennen. „Ein Volkshochschulkurs“, entschuldigt sich Koch, der im Frankfurter „Tatort“ selbst einen Kommissar spielt, dessen Sohn in Saint-Malo gerade an der Verfilmung des neuen Bannalec mitwirkt und den Schwarzkopf sich gut als dessen Kommissar Dupin vorstellen könnte. Pasquale Aleardi mache seine Sache sehr gut, wehrt Koch ab.

          „Ich bin eine Art Automat, der aufschreibt“

          Und wie wurde der Verleger zum Krimiautor? Er sei ein nervöser und unruhiger Mensch, sagt Bong: „Gut darin, mich anzuspannen, sehr schlecht darin, abzuspannen.“ Zu dem, was ihn beruhige, zähle das Lesen klassischer Krimis: Christie, Simenon. Kammerspiele seien sie: „Die große komplexe Welt wird minimiert.“ So macht Bong es nun ebenfalls. Und hat festgestellt: „Das Therapeutische funktioniert auch beim Selberschreiben.“ Seine Arbeit bei Fischer hat er 22 Jahre lang geliebt: „Aber sie war schon sehr fordernd.“ Gut für Dupin: „Wenn nicht so viel Stress gewesen wäre, hätte ich vielleicht nie begonnen.“ Nun sind die Romane in 14 Sprachen übersetzt, auch ins Französische. Kritiker gibt es trotzdem: „Mein Sohn verlangt mehr Tote und mehr Action bei den Morden.“

          Als Dupin 2012 in „Bretonische Verhältnisse“ seinen ersten Petit Café an der Bar eines kleinen Hotels nahm, wusste Bong noch nicht, ob dem Buch weitere folgen würden. Einen Plan aber hatte er. Seitdem arbeitet er die Bretagne-Karte mit den eingekreisten Lieblingsgegenden ab: „Am Ende ist man mit Dupin gereist und hat eine kleine Enzyklopädie bretonischer Themen.“ Der zehnte Band, der nächsten Juni erscheint, spielt auf der Belle-Île, es geht um Dupins geliebten Kaffee. Die Titel der Bände entstehen im Gespräch mit seiner Lektorin bei den Kölner Holtzbrinck-Kollegen von Kiepenheuer & Witsch: „Eigentlich denkt sie sie sich aus. Ich komme da nie auf gute Ideen.“

          Wie schreibt er jenseits des Titels? Der neue Band begann mit dem ersten Satz. „Ein Stück von dem Brillat-Savarin, bitte“, sagt Dupin. „Ich liebe diesen Käse so“, sagt Bong. Und den Schreibrhythmus, den er sich angewöhnt hat: „Im Winter beginne ich mit Büchern, Ostern kommt die Recherche vor Ort.“ Dann gibt es eine Nachdenkpause, im Sommer folgt das Schreiben: „Und das kann ich nur dort.“ Er benutze einen kleinen, sehr leichten Computer, mit dem es überall möglich sei: „Ich sehe, ich höre, ich bin eine Art Automat, der aufschreibt.“ Die Niederschrift des Buches dauere daher nur „sechs bis acht Wochen“. Dieses Jahr ist wegen Corona alles anders. Die Recherchereise im Lockdown-Frühjahr entfiel, er hat sich daher vorab schon etwas mehr mit dem Kriminalfall beschäftigt: „Das tue ich sonst kaum.“ Jetzt, im Sommer, hat er sich in der Bretagne verletzt, ausgerechnet an der rechten Hand, mit der er signiert. Acht Exemplare hat Hückstädt ihm abgerungen. Nächstes Jahr sind die Austernbänke dann wieder üppiger besetzt.

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