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Jazz-Legende Emil Mangelsdorff : Weltrekord in Hörweite

  • -Aktualisiert am

Auch mit 94 noch am Saxofon: Emil Mangelsdorff in seiner Frankfurter Wohnung Bild: Helmut Fricke

Auch im 95. Lebensjahr ist Swing sein Lebenselixier: Emil Mangelsdorff steht vor seinem 200. Konzert im Holzhausenschlösschen in Frankfurt.

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          Man steigt die schmalen Treppen hinauf zu seiner Altbauwohnung in der Nähe des Holzhausenparks, dort, wo das Nordend Frankfurts beginnt, und fragt sich bei jeder Stufe der drei Stockwerke: Wie schafft er das? Die freundliche Dame, die die Tür öffnet und in die gemütlich vollgestopfte Wohnung bittet, lässt zumindest erahnen, wie der Hausherr seinen Alltag bewältigt. Einkaufstüten und Wasserkästen wird er wohl kaum noch selbst bis hier hinauftragen müssen. Vor drei Wochen ist Emil Mangelsdorff 94 Jahre alt geworden.

          Jetzt sitzt er im Wohnzimmer an seinem massiven Esstisch und erzählt hellwach von seinem Leben und einer Zeit, die längst vergangen ist, bisweilen aber noch so irritierend in unsere Gegenwart hineinragt. Wenn man erfährt, unter welch prekären Umständen er in den dreißiger Jahren zu musizieren begann und was es damals bedeutete, sich für eine Kunst zu interessieren, die eine barbarische Ideologie als entartet klassifizierte, taucht sie wieder auf, die Frage, wie er das geschafft hat.

          Wenn die Hände steif zu werden drohen

          Wie überlebt man als Jazzmusiker mit ungebeugtem Rückgrat die Zeit des Nationalsozialismus, wie Schikanen, Inhaftierung, Fronteinsatz und russische Kriegsgefangenschaft? Was hilft einem danach, den Anschluss an die musikalische Avantgarde zu finden, wenn man sieben Jahre vom Leben abgeschnitten war und noch im Viervierteltakt denkt, wo doch längst der Achtelnotenbeat das Maß aller Jazzdinge ist? Wer hilft bei persönlichen Schicksalsschlägen wie dem allzu frühen Tod der Partnerin? Wie kann man kreativ bleiben, wenn die Hände steif zu werden drohen und die körperliche Mobilität nachlässt?

          Es sind die Kernfragen seines langen Künstlerlebens als Jazzmusiker, die einen Teil der Antworten in sich tragen. Vielleicht steckt darin ein existentielles Prinzip schlechthin. Leben heißt eben Widerstand leisten, Kräfte mobilisieren, arbeiten – an sich und der Umwelt. Emil Mangelsdorff tut es bis heute, indem er als Zeitzeuge in seinen Gesprächskonzerten daran erinnert, wie wichtig es ist, wachsam zu bleiben, um das zu verhindern, was einmal so verheerend über uns alle hereingebrochen ist. Er tut es, indem er noch immer täglich übt, um den Ansprüchen an eine Musik zu genügen, die das Synonym für Innovation schlechthin ist. Denn im Jazz geschieht nicht nur in Sternstunden Außergewöhnliches. An jedem Abend, an dem Jazzmusiker zu improvisieren beginnen, ereignet sich potentiell Unerhörtes.

          Neugierde auf das, was noch kommt

          Den anderen Teil des Rätsels, wie man all das bewältigt und geistig fit bleibt bis ins hohe Alter, löst Emil Mangelsdorff auf seine Weise. Mit der Freude an der Musik, der Neugierde auf das, was noch kommt, wenn etwa der versierte Pianist seines Quartetts, Thilo Wagner, vor Klangideen sprüht und ihn buchstäblich zu Höhenflügen auf dem Altsaxophon inspiriert, das er so lyrisch wie kaum ein anderer Jazzmusiker heute zu spielen versteht. In seinem Alter ohnehin niemand, denn mittlerweile dürfte er der einzige öffentlich aktive Jazzmusiker jenseits der 94 sein. „Es ist ein phantastisches Glück, einen solchen Beruf zu haben. Beim Spielen werden Glückshormone freigesetzt. Swing ist mein Lebenselixier.“

          Glück haben dabei auch seine Hörer. Denn Emil Mangelsdorff verbraucht sein Verjüngungsmittel nicht für sich alleine. Er spendet es großzügig allen Kunstwilligen, die in seine Konzerte kommen, etwa in die regelmäßigen Auftritte mit seinem Quartett und wechselnden Gästen jeweils am ersten Montag eines Monats im Frankfurter Holzhausenschlösschen. Die Reihe ist mittlerweile Kult und vermutlich weltweit die längste kontinuierliche Konzertserie eines Künstlers überhaupt. Begonnen hatte es am 3. Juni 1996 unter dem Slogan „Emil und seine Freunde“.

          Damals gehörten der Pianist Bob Degen, der Bassist Günter Lenz und der Schlagzeuger Janusz Stefanski zu seinem Quartett. Als Gast kam der Tenorsaxophonist Wolfgang Engstfeld hinzu. Mittlerweile ist aus der Gästeliste ein Who’s Who des Jazz geworden, natürlich mit wesentlichen Musikern der Region, vielen Newcomern und einer ganzen Phalanx international angesehener Künstler. Am Montag findet das 200. Konzert statt mit dem Quartett, dem britischen Trompeter Colin Dawson und der wunderbaren Sängerin und Schauspielerin Jenny Evans aus London, die lange schon Münchnerin geworden ist. Es wird wohl nicht das letzte Konzert der Reihe sein, wenn man bedenkt, was Emil Mangelsdorff auf die Frage antwortet, ob er wie der Dirigent Leopold Stokowski im Alter von 95 Jahren noch einen Plattenvertrag mit einer Laufzeit von zehn Jahren unterschreiben würde. Emil Mangelsdorff sagt: Ja.

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