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Jazz im Palmengarten : Mix der Generationen

  • -Aktualisiert am

Viel Abwechslung: Heidi Bayer spielt mit Christof Lauer. Bild: Mark Trebron

Christof Lauer hat bei „Jazz im Palmengarten“ ein glänzendes Quartett zusammengestellt. Dabei findet er eine perfekte Balance zwischen energiegeladenen und subtilen Momenten. Dem Publikum gefällt es.

          3 Min.

          Steht ein hochkarätiger Protagonist der Frankfurter Jazzszene auf dem Programm, wird es bei „Jazz im Palmengarten“ oft besonders voll. Es liegt also eine gewisse Ironie darin, wenn Klaus Söhnel von der Jazz-Initiative Frankfurt in seiner einleitenden Ansage verkündet, das Konzert sei ausverkauft. Denn selbstverständlich gilt wegen der Pandemie weiterhin eine rigide Beschränkung der Zuschauerzahl. Corona sorgte auch dafür, dass Christof Lauer sein ursprünglich für die Reihe konzipiertes Projekt verschieben musste. Stattdessen bringt der Frankfurter Saxophon-Großmeister nun ein Quartett auf die Bühne der Konzertmuschel, das am Mittag desselben Tages zum allerersten Mal live zusammengetroffen ist.

          Ungewöhnlich ist daran nicht nur die extrem kurze Zeit, sich aufeinander einzustimmen, sondern auch die Kombination der Generationen. Hier der 1953 in Melsungen geborene, vielfach ausgezeichnete Souverän an Tenor- und Sopransaxophon, der in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mit der europäischen Jazz-Elite beeindruckt hat. Dort die bald 33 Jahre alte Trompeterin Heidi Bayer aus Köln und die Hamburgerin Lisa Wulff am Kontrabass, die unlängst ihren 30. Geburtstag feierte – auf den Schlagzeuger Silvan Strauß noch einige Monate warten darf. Er spielt auch in Wulffs eigenem Quartett, entsprechend eng verzahnt sind die Interaktionen der beiden in Grooves und versetzten Rhythmen. Ihr variabel-dynamisches Zusammenspiel trägt nun auch Lauer und Bayer durch Kompositionen und Improvisationen.

          Beflügelt von der Expressivität

          Für Abwechslung ist gesorgt. Je zwei Stücke steuern Lauer, Bayer und Wulff zum Repertoire des Auftritts bei, ein weiteres stammt von Strauß, alle zeigen eine erkennbar eigene Handschrift. Keine Überraschung, haben doch beide Musikerinnen dieses Jahr bereits als Bandleaderinnen jeweils eigene Alben veröffentlicht, die allerdings wegen des Virus nicht wie geplant in Konzerten vorgestellt werden konnten. Zum Auftakt im Palmengarten spielt das Quartett Christof Lauers „Decent“, eingeleitet von einem A-cappella-Solo des Sopransaxophons. Nach einer Weile gesellt sich die Trompete dazu, beide intonieren ein eingängiges, kreiselndes Motiv in parallelen Linien, aus denen sich Heidi Bayers erste Improvisation schält. Zunächst setzt sie auf rhythmische Phrasierungen, später werden ihre Notenketten länger, verziert von kleinen Glissandi. Dahinter putschen Bass und Schlagzeug den „funky“ Charakter des Stücks weiter auf. Strauß entfacht ein Gewitter aus harten Hieben und Wirbeln, Wulffs Basslinien drücken vehement ins weite Rund, was tontechnisch ohne ein Klavier in der Band möglich ist. Entsprechend beflügelt wirft sich Lauer in sein nächstes Solo und gibt eine erste Kostprobe seiner herausragenden, flatternd-sprunghaften Expressivität.

          Eine ganz andere Stimmung suggeriert im Anschluss Lisa Wulffs „Beneath The Surface“. Zur Einleitung streicht sie obertonreiche Klänge mit dem Bogen, begleitet von Strauß’ sensiblem Besenrascheln. Die Bläser setzen ein, spielen ein scheinbar leicht taumelndes, relativ abstraktes Thema. Dessen etwas unheilvolle Ausstrahlung wechselt dann doch zu positiverer Anmutung, angeführt von Bayers melodisch-weichem Flügelhorn. Hinter dem folgenden Tenor-Solo Lauers verdichten weite Bassläufe und Schlagzeug-Breaks das Arrangement, später kommt Bayer zurück und spielt auch mit lautmalerischer Stilistik.

          Atmosphärisch ähnlich und dabei fast ein wenig nordisch erscheint gegen Ende des rund 85-minütigen Konzerts ihr Stück „If It Helps“. Zu verwehenden Flügelhorn- und Tenorsaxophon-Noten in der Einleitung greift Wulff erneut zum Bogen, dahinter schlägt Strauß die Becken mit der Hand und unterstreicht den offenen Charakter der Komposition. Ein Break später marschiert plötzlich die Snare-Drum, spielen die Bläser entschlossen ein Unisono-Motiv, das in eine leicht Blues-getränkte Passage übergeht.

          Insgesamt neigen die beiden Musikerinnen auch in schnellen, rhythmischen Stücken eher zu Nuancen als zu extrovertiert-muskulösem Auftrumpfen, trotz aller ihnen innewohnenden Kräfte. Bei Lisa Wulff macht sich das vielleicht etwas mehr in ihren Kompositionen als in ihrem versierten, zuweilen auch druckvollen Spiel bemerkbar. Heidi Bayer hält sich auf Trompete und Flügelhorn bewusst von typischer Hochton-Artistik der Jazz-Historie fern und variiert stattdessen lieber Klangfarben in mäandernden und morsenden Modulationen. Gleichwohl kann sie mit Lauer mithalten, wie ihr kleinteiliger Dialog in „Facing Interview“ eindrücklich zeigt. Die unterschiedlichen Spielhaltungen ergeben bisweilen interessante Kontraste, zumal Christof Lauer und Silvan Strauß eine perfekte Balance zwischen energiegeladenen und subtilen Momenten finden.

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