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Festival „Nippon Connection“ : Die Mutter der Perlen

Seit 20 Jahren eine Welle machen: Mit einer Retrospektive erinnert das Filmfestival an die ersten 20 Jahre seines Programms. Bild: 2014-2015 Hinako Sugiura•MS.HS / Sarusuberi Film Partners

Einfach nur ein paar japanische Filme zeigen wollten die Frankfurter Studenten um Marion Klomfass vor 20 Jahren. Daraus ist das größte japanische Filmfestival der Welt geworden.

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          Im Grunde ist es das Kirschblütenfest im Frankfurt-Stil: Alles leuchtet in Rosatönen, man sieht Frauen in Kimonos, es gibt Bier, Musik und Spiele. Das Rahmenprogramm ist beim japanischen Filmfestival Nippon Connection immer auch ein Ramen-Programm: Die japanischen Nudeln fehlen nie, wie die Karaoke-Party. Im Mittelpunkt aber stehen, natürlich, die Filme: Gut 150 sind es im Schnitt, in diesem Jahr von Dokumentationen über das Leben der Ainu auf Hokkaido bis zum kuriosen Format einer Menstruationskomödie namens „Little Miss P“. Viele Filme haben politische Themen, Nippon Connection hat immer wieder auch Umstrittenes programmiert: „Wir wollen die Filme zeigen, die wir für wichtig erachten. Um zu zeigen, was gerade in der Gesellschaft passiert“, sagt Festivalleiterin Marion Klomfass.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bis heute zählen zu ihren Lieblingen „Pornostar“ von Toyoda Toshiaki und „Nabbie’s Love“ von Yuji Nakae – beide aus dem ersten Programm von Nippon Connection im Jahr 2000. „Das ist das, was mich damals schon am japanischen Kino fasziniert hat. Wenn man nicht genau weiß, wo geht der Film genau hin.“ Die Mischung der Stimmungen, komische Tragödien mit surrealen Einsprengseln, lernt das deutsche und internationale Publikum seit 20 Jahren in Frankfurt kennen.

          Größtes japanisches Filmfestival der Welt

          Einfach mal ein paar aktuelle japanische Filme zeigen, war die Idee von einer Handvoll Filmwissenschafts-Studenten um Klomfass und Holger Ziegler. Im April 2000 liefen ein Dutzend Produktionen im Studierendenhaus der Frankfurter Universität, dazu gab es Kunst und Kulinarisches. Es kamen 10.000 Leute. Mittlerweile ist aus der studentischen Initiative das größte japanische Filmfestival der Welt geworden. Das einzige ist es schon lange nicht mehr, viele orientieren sich am Frankfurter Format. In New York etwa gibt es seit 2007 die Japan Cuts, und das Festival Camera Japan in Rotterdam ist ein direkter Nachkomme von Nippon Connection – angeregt von „Nippon Connection on tour“.

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          Japanisches Filmfestival : Von Dokumentationen bis zur Menstruationskomödie

          Vielen japanischen Filmemachern ist es ein Anliegen, dass ihr Film bei Nippon Connection gezeigt wird. „Man hat dadurch auch eine gewisse Verantwortung“, sagt Klomfass. „Gerade auch die bekannteren Regisseure, die wir begleitet haben, sagen, dass sie wiederkommen wollen“, sagt Klomfass. Denn eine der Spezialitäten von Nippon Connection ist gerade das: Über viele Jahre hinweg die neuen Werke der Regisseure zu zeigen, in diesem Jahr mit „My Sweet Grappa Remedies“ etwa schon den dritten Film in Folge der Regisseurin Akiko Oku. Namen wie Takeshi Kitano oder Takashi Miike schmücken das Programm, Miikes Film „Lesson of the Evil“ in der Retrospektive „Best of Nippon Connection“ erinnert daran, dass sein Werk seit 20 Jahren beim Festival gezeigt wird. Mit „Dancing Mary“ ist Sabu, der mittlerweile vor allem jenseits von Japan als Kultregisseur gilt, das vierte Mal in Folge bei Nippon Connection zu sehen. Und oft scheinen gerade in den Differenzen zwischen der japanischen und der hiesigen Filmkultur und Gesellschaft gemeinsame Fragen umso deutlicher auf.

          Die Fäden in der Hand

          Wegen Corona geht das 20. Festival online. Nicht nur rund 70 Filme, ein verschlanktes Programm, sind auf der Plattform Vimeo zu sehen. Auch Baby-Shiatsu und Karaoke, kommentiertes Filmeschauen mit Jörg Buttgereit oder ein exklusives Interview mit Werner Herzog, dessen verblüffender, in nur zehn Tagen gedrehter Doku-Spielfilm „Family Romance LLC“ zu sehen ist, finden auf verschiedenen digitalen Plattformen statt. So soll das Gefühl eines großen Kulturfestivals entstehen, auch wenn nicht, wie sonst, um die 16.000 Besucher den Frankfurter Mousonturm und etliche Kinos der Stadt bevölkern.

          Die 70 Ehrenamtlichen und einige wenige angestellte Kräfte haben mindestens genauso viel Arbeit wie bei einem realen Festival – nur anders. Von den Gästebetreuern etwa kam die Idee, innerhalb Frankfurts einen Lieferservice einzurichten – damit Bier, Festival-T-Shirts und japanische Süßigkeiten zum Film passen. Ein großartiges Team wirke da wieder zusammen, lobt Klomfass. Die Fäden aber hat sie in der Hand. Das müsse einer einfach tun, sagt sie. Ans Aufhören hat sie, mittlerweile 50 geworden, noch nie gedacht, auch wenn ihre Freizeit – Klomfass ist im Brotberuf Cutterin beim Hessischen Rundfunk – seit Jahren aus dem Festival besteht.

          Notorisch schlecht finanziert

          Kino sei nicht zu ersetzen, sagt Klomfass. Aber für die vielen unabhängigen Regisseure sei es ungeheuer wichtig, ihre Filme zu zeigen. Und Nippon Connection online kann, je nach Lizenzen, etwa die Hälfte der Filme weit über Deutschland hinaus online vorhalten. Das bietet auch neue Chancen. „Wir denken schon weiter“, sagt Klomfass. Vor zwei Jahren gab es Versuche mit Video on demand, perspektivisch könnten ein Online-Angebot oder gar ein kleiner eigener Verleih das Festival flankieren.

          Vorausgesetzt, 2021 bleiben der Rückhalt der Sponsoren und der öffentlichen Hand. Notorisch schlecht finanziert ist Nippon Connection trotz des Besucherandrangs schon immer, das Interesse an Japan sei nicht so ausgeprägt, vermutet Klomfass – außerdem unterliege es Wellen. Größer wolle Nippon Connection gar nicht werden, sagt Klomfass – aber das Festival deutlich zu verkleinern oder wieder ausschließlich ehrenamtlich anzubieten sei auch unmöglich.

          Um die Zukunft der Film- und Festivalszene macht sich Klomfass Sorgen, für viele Kinos und Verleiher mit ungewöhnlichen Angeboten komme die Corona-Krise zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Den „Superausnahmezustand“, im leeren Mousonturm online zu gehen, nimmt die Chefin aber neugierig-gelassen. Nur sei es schade, dass ausgerechnet zum 20. Festival nicht einmal ein Katalog gedruckt werden konnte. „Wenn wir das nächste Mal in Japan sind, können wir außer einer Postkarte nichts vorweisen aus diesem Jahr.“ Muss sie das? „Nein“, gibt Klomfass zu. In der japanischen Filmszene ist Nippon Connection längst so bekannt wie ein rosafarbener Hund.

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