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Jan Timme im Ausstellungsraum „basis“ : Frische Dollarnoten für eine alte Mark

Denkkunst: Jan Timme, „Nothing is written (white)”, 2002/2009 Bild: Jan Timme

Theorie und Konzept, Kunst, Pop und Film: Jan Timmes Arbeiten kreisen um Nahtstellen, an denen die Wahrnehmung seltsam oszilliert.

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          Herbert Marcuses „Kultur und Gesellschaft“ etwa. Oder Pierre Cabannes „Dialogues with Marcel Duchamp“. Daneben ein Band der Comicreihe „Gaston“, Greil Marcus’ „Lipstick Traces“, Truffaut, Jeff Wall und Sturtevant, „Lawrence von Arabien“ und „Buffy The Vampire Slayer“. Tja, was soll man davon halten, wenn ein junger Künstler seiner Ausstellung einen „Handapparat“ zur Seite stellt, wo Theorie und Konzept, Kunst und Pop und Film provozierend hierarchielos beieinanderstehen? Schließlich wollen wir ja nicht gleich ein Proseminar belegen.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht bei Jan Timme, um dessen Auswahl es sich hierbei handelt, und nicht im Frankfurter Atelierhaus „basis“ (Gutleutstraße 8–12), das dem 1971 geborenen Künstler jetzt eine Schau mit Arbeiten aus zehn Jahren eingerichtet hat. Einerseits. Andererseits blättert man ja gerne wieder mal in André Franquins „Gaston“ oder in Batailles „Kritischem Wörterbuch“. Vor allem aber, stellt der Betrachter beim Rundgang durch die Räume immer wieder fest, steht diese kleine Bibliothek in der Tat stellvertretend für all jene Referenzen, auf die sich Jan Timmes eigentlich so kühl und reduziert daherkommendes konzeptuelles Werk Mal um Mal bezieht: Kunsttheorie und -historie sowie Pop, Sprache und Bild, Film und Essay. Und immer wieder der jeweilige Kontext.

          Schrift gewordenes Paradoxon

          Wenn der Berliner Künstler etwa den ersten – und zugleich letzten – Satz aus Francis Ford Coppolas „Outsiders“ auf eine glitzernd leere Leinwand beamt, dann verbindet er nicht nur die beschriebene Situation („When I stepped out into the bright sunlight, from the darkness of the moviehouse“) subtil mit der Betrachterrealität, sondern bezieht sich ganz konkret auf diesen Ort.

          Denn genau hier, wo man gerade ein wenig orientierungslos im Dunkeln steht, während die Reflexionen der Pailletten sanft wie Meereswellen die Wände mit stiller Poesie umspielen, genau hier befand sich noch vor ein paar Jahren der Vorführsaal der Landesbildstelle. Immer wieder kreisen Timmes Arbeiten um solche Nahtstellen, an denen die Wahrnehmung seltsam oszilliert.

          Ob er mit einer einfachen Glühbirne in einem nach Innen verspiegelten Würfel unendliche Räume insinuiert, „Nothing is written“ als Schrift gewordenes Paradoxon auf die Wand pinselt, oder ob er mittels Langzeitbelichtung buchstäblich Mondgesichter ans dunkle Firmament zu zaubern sich bemüht: Stets eröffnen sich im Spannungsfeld von Bildrealität, minimalistischer Ästhetik und Betrachterperspektive überraschend neue Räume durchaus sinnlich zu nennender Erfahrung. Und nicht zuletzt offenbart sein Werk immer wieder einen hier leicht ironischen, dort geradezu schelmischen Humor.

          Das gilt für eine Arbeit wie den aus den bunten Seiten des Kunst- oder womöglich doch eher Lifestyle-Magazins „Monopol“ zu einem prachtvollen Bouquet gefalteten Lilienstrauß, der aussieht wie ein Accessoire aus „Schöner Wohnen“, ebenso wie für Scarlett Johanssons allmählich, Tag für Tag ein wenig mehr vor den Augen des Betrachters verblassendes Werbeversprechen für „L’Oréal“: „The Season of Blonde never fades“. Und komischer als Jan Timme mit seinem Warenautomaten hat uns auch schon eine Weile keiner mehr den Zusammenhang von Kunst und Kapital erklärt.

          Hier kann man noch für eine gute alte Deutsche Mark je einen niegelnagelneuen Dollar ziehen. Zugegeben, bei zehn, zwölf Fächern und im Hinblick auf die Summen, die am Kunstmarkt sonst so hin und her geschoben werden, mag man derlei Rendite vielleicht doch arg bescheiden nennen. Doch in Zeiten wie diesen nimmt man offensichtlich mit, was man günstig kriegen kann. Bei der Eröffnung jedenfalls hatte wohl irgendwer aus dem netten Vernissagenpublikum sein altes Sparschwein mitgebracht. Und Timmes Automat fast komplett leer geräumt.

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