https://www.faz.net/-gzg-93y3k

Iranische Künstlerin : „Der Druck hat zugenommen“

Muss sich im Iran dem Gericht stellen: Die iranische Künstlerin Parastou Forouhar. Bild: Helmut Fricke

Die hiesige Künstlerin Parastou Forouhar wird in Iran vor Gericht gestellt – wegen eines ihrer Werke. Heute muss sie zur Anhörung.

          3 Min.

          Sie hatte damit schon gerechnet, nun ist der schlimme Fall eingetreten: Parastou Forouhar sitzt in Teheran, derzeit ohne Pass. Am Samstag soll sie vor Gericht erscheinen. Die 1962 in Teheran geborene und seit 1991 in Deutschland lebende Künstlerin, erst in Offenbach, Frankfurt, nun in der Nähe von Alzenau ansässig, ist erstmals nicht Klägerin, sondern Beklagte – wegen ihrer Kunst.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Man hat mir am Flughafen den Reisepass weggenommen“, erklärt sie, für heute ist sie beim Passamt vorgeladen. „Ich habe damit Erfahrung, mir wurde immer wieder der Pass bei der Ankunft abgenommen. Normalerweise gibt es dann ein Verhör mit dem Informationsministerium“, sagt Forouhar. Das spare sich so seinerseits eine offizielle Vorladung.

          Symbolik des persischen Raums

          Forouhars gezeichnete Wände und Rauminstallationen, die in Frankfurt und in aller Welt in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen sind, arbeiten häufig mit Schrift und Symbolen des persischen Raums. Die nun vom Informationsministerium inkriminierte Arbeit „Countdown“, die Forouhar eine im schlimmsten Fall mehrjährige Haft einbringen könnte, ist fast zehn Jahre alt: vage menschlich wirkende Formen aus Stoff, teilweise bezogen mit dem Bannerstoff, der im Monat Ashura allenthalben aufgehängt wird. „Ich konnte zweimal die Akten einsehen“, sagt Forouhar im Telefongespräch mit dieser Zeitung, „es geht um eine Reihe von Arbeiten, hauptsächlich aber um ,Countdown‘, weil dessen Form von Sitzsäcken abgeleitet ist. Von der Anklage wird das auf Nutzgegenstände reduziert: Man wirft mir vor, Stühle zu produzieren, die die Religion beleidigen, und diese der Konterrevolution für konspirative Sitzungen zur Verfügung zu stellen.“ In der Akte fand sie Fotokopien von Bildern aus dem Internet: „Sie zeigen die Objekte im Wiener Belvedere-Museum, es sitzen zwei Personen darauf, es handelt sich aber nicht um Iraner, und es ist ein europäischer Kontext“, erklärt Forouhar. Immer wieder hat sie in den vergangenen Monaten an das Gericht geschrieben, ohne Erfolg.

          Dass Argumente ins Leere gehen, Beweise fehlen, Fakten verdreht werden und eine „scharfe Sprache“ herrscht, um einzuschüchtern, kennt Forouhar zur Genüge. Aus ebenjenem Ministerium, das nun Forouhar verklagt, stammte die Gruppe von Tätern, die am 22. November 1998 ihre Eltern Parwaneh und Dariusch Forouhar, bekannte Oppositionelle, mit Messern ermordet hat. Tausende trauerten damals. Jahrelang hat Forouhar, damals mit der späteren Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi als Anwältin, für die Aufklärung dieser Morde gekämpft – mit winzigen Teilerfolgen.

          Klage gegen Verbot des Gedenkens

          Im Mai hatte sie in der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank ihren Zyklus „Schuhe ausziehen“ ausgestellt, in dem sich von 2002 an ihre Suche nach der Wahrheit über den Mord an ihren Eltern niedergeschlagen hat. Jedes Jahr kehrt Parastou Forouhar in das verwaiste Elternhaus zurück, um am Sterbetag mit einer Zeremonie ihrer Toten zu gedenken. Eine Geste der Erinnerung und des Widerstands, die von den Machthabern auf die unterschiedlichste Weise verhindert wird.

          Trotz allem will Forouhar auch dieses Jahr ihr Gedenken abhalten. Mehr noch: „Vor ein paar Monaten habe ich eine Klage an eine parlamentarische Kommission eingereicht, die die Arbeit der Justiz überwachen soll. Die Klage betrifft das Verbot des Gedenkens. Es gibt kein Gesetz das Gedenken verbietet. Es tauchen einfach Sicherheitskräfte auf und versperren den Weg, ohne Papiere zu zeigen, warum sie das tun und wer der Befehlsgeber ist. Mit der Klage versuchen wir Klarheit zu schaffen, worauf das Verbot beruht.“

          „Es geht nicht nur um mich“

          Nicht nur für den eigenen Fall: „Es geht darum, über Prozesse auf rechtsstaatlichen Vorgängen zu beharren.“ Auch die internationale Öffentlichkeit schaue neuerdings lieber auf Gesten wie das im vergangenen Jahr eingeführte Bürgerrechtsstatut als auf die Lage in Iran. Umso wichtiger ist es ihr, dass auch das Gegenteil, wie ihr Fall, öffentlich begleitet wird. „Es geht nicht nur um mich. Es gibt eine große Zahl von Kritikern und Menschenrechtlern, die in Haft sitzen oder unterdrückt werden. Der Druck auf Familienangehörige von Opfer von politischer Gewalt in Iran, vor allem auf solche, die Aufklärung verlangen, hat definitiv zugenommen.“ Eine liberalere Kulisse aufzubauen und andererseits diesen Druck zu erhöhen sei ein fatales Spiel in Iran, sagt Forouhar, vor allem um Kritikern zu schaden.

          Auch auf ihr lastet ein immenser Druck, nicht nur, weil sie die „neue Erfahrung“ machen wird, selbst angeklagt zu sein. Gute Anwälte, Freunde und die Familie bemühten sich sehr um sie, sagt Forouhar. „Aber wenn eine Gesellschaft so lange in Unterdrückung lebt, verändert sich auch vieles. Ich bekomme immer wieder den Rat, ich solle das alles lassen. Es ist schwierig, damit umzugehen. Vor allem wenn sich Nahestehende große Sorgen machen. Das ist ein Mechanismus des schlechten Gewissens, der sich trotzdem aktiviert.“ Aber so, wie sie auf dem Gedenken an die Eltern beharrt, hat sie auch keinen Zweifel daran, dass ihre Haltung richtig ist. Schweigen gebe den anderen Macht. „Es gibt eine Verbundenheit mit all denen, die in einer solchen Gesellschaft auf ihrem Recht beharren und protestieren. Ich will Teil dieser Bewegung bleiben.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.