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Rockband The New Roses : Komplett den Stecker gezogen

Ausgebremst: Urban Berz, Schlagzeuger der New Roses, bei einem Konzert im vergangenen Sommer Bild: Picture-Alliance

Eigentlich wäre die Wiesbadener Rockband The New Roses auf Tour. Schlagzeuger Urban Berz spricht über Existenzsorgen und ziellose Proben – und erklärt, warum Streaming-Konzerte nichts mit Rock ’n’ Roll zu tun haben.

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          Was macht ein Rock-’n’-Roller, wenn er keine Musik machen darf?
          Wir dürfen Musik machen, nur nicht live vor Publikum. Wir können auch Songs schreiben, wenn wir in Stimmung dafür sind. Das fällt uns allerdings zurzeit schwer.

          Warum?

          Wir haben große Existenzsorgen. Zudem macht es keinen Sinn, ein Album herauszubringen, wenn man die Songs anschließend nicht live spielen darf. Mit einem Album verdient der Künstler heutzutage kein Geld mehr. Das ist ein reines Promotion-Tool. Du brauchst ein Album als Aufhänger, um dann touren zu können.

          Sie könnten mit Ihrer Band The New Roses proben, um bestmöglich in Form zu sein, wenn es wieder losgeht. Aber wie lange kann man das machen, ohne die Lust zu verlieren?

          Wir könnten jetzt proben bis zum Abwinken. Aber du musst ein Ziel vor Augen haben. Und das haben wir aktuell nicht. Wir sind komplett ausgebremst worden von 100 auf null, und keiner weiß, wann es wieder weitergeht.

          Man soll ja auch die Chance in der Krise sehen. Aber brauchen Sie Ihr Publikum, um zu überleben?

          Ja. Es gibt ja einige Musiker, die Streaming-Konzerte gemacht haben, um so den Kontakt zu den Fans aufrechtzuhalten. Aber wir haben das als Band nicht gemacht. Weil wir sagen: Das hat mit Rock ’n’ Roll nichts zu tun. Der Rock ’n’ Roll lebt von der Energie, die durch die Interaktion zwischen Künstler und Publikum entsteht.

          Die gibt es online nicht?

          Wenn ich bei mir daheim ein bisschen auf dem E-Drum rumkläppere, und der Sänger ist hundert Kilometer weiter bei sich zu Hause, und das Ganze kommt erst im Stream zusammen, und die Leute gucken sich das in ihrem Wohnzimmer an, dann kommt diese Energie nicht auf.

          Aber es gab auch Bands, die es gemacht haben, sogar die Rolling Stones.

          Natürlich kann man das mal machen, erst recht für einen guten Zweck, und es ist auch mal ganz witzig zu sehen, was die Technik heutzutage möglich macht, aber eine Dauerlösung ist das weder für die Künstler noch für die Fans.

          Ihrer Band ist durch den Lockdown also komplett der Stecker gezogen worden?

           Wir leben definitiv vom Live-Geschäft! Durch Corona haben wir auf Monate hin unsere Haupteinnahmequelle verloren.

          Wie müsste Ihnen geholfen werden, solange die Corona-Gefahr noch da ist?

          Wir brauchen dringend Unterstützung. Vom Staat. Von der Solidargemeinschaft. Es ist ja faktisch so, dass wir Künstler zum Wohle aller im Zuge der allgemeinen Gefahrenabwehr auf unseren Lebensunterhalt verzichten müssen. Und es kann ja nicht sein, dass eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Wirtschaftstätigen sich zu hundert Prozent opfern muss.

          Sie bekommen also gar nichts von der berühmten Bazooka unseres Bundesfinanzministers?

          Die Bazooka hat nicht nur Ladehemmung. Sie ist eine Fehlkonstruktion und zielt in die falsche Richtung. Bei uns kommt davon nichts an.

          Rock ’n’ Roll auf Kurzarbeit funktioniert nicht?

          Als Selbständiger bekommst du kein Kurzarbeitergeld. Die Soforthilfen decken in den meisten Bundesländern nur laufende Betriebskosten. Die haben Künstler jedoch in der Regel nicht. Geld für den Lebensunterhalt gibt es keins. Der Föderalismus sorgt da noch zusätzlich für Wettbewerbsverzerrung, denn in einigen wenigen Ländern wie Baden-Württemberg können betroffene Soloselbständige auch Lebenshaltungskosten geltend machen. In Hessen geht das nicht.

          Ist bei dem jahrelangen Touren nichts hängengeblieben?

          Doch, wir haben Rücklagen. Aber die haben wir in vielen Jahren zusammengetragen, anfänglich sehr mühsam. Und wir haben auch immer investiert. Das war ein Schlüssel zu unserem Erfolg, weil wir gut gewirtschaftet haben. Wir haben das Geld nicht verlebt. Wir haben auch keinen Porsche. Aber wir mussten auch nie zu einer Bank gehen wegen eines Kredits, den wir sowieso nicht bekommen hätten als Rock-’n’-Roll-Band, die noch nicht erfolgreich war. Jetzt müssen wir mitansehen, wie diese notwendigen Rücklagen innerhalb weniger Monate dahinschmelzen.

          Sind Sie sauer, hadern Sie? Oder sind Sie noch gelassen?

          Ich war zunächst recht gelassen, bin aber inzwischen zunehmend besorgt. Das Virus ist wie eine Naturkatastrophe. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Es wurde viel über andere Branchen gesprochen. Dort gab es Rettungsaktionen. Aber wir sind auf null. Dabei sind wir die Branche, die am längsten davon betroffen ist. Flugzeuge fliegen wieder. Autos werden wieder gebaut. Gastronomie hat wieder geöffnet. Super, aber uns hat man vergessen.

          Sehen Sie die Gefahr, dass die gesamte Szene auseinanderfällt? Dass Künstler gezwungen sind, andere Berufe zu übernehmen?

          Definitiv. Nicht jeder hat so viele Rücklagen, dass er mal schnell ein, zwei Jahre ohne jegliches Einkommen und ohne Unterstützung überleben kann. Und es geht ja nicht nur um uns Künstler, sondern auch um das ganze Umfeld. Wir können nicht spielen, wenn es keine Clubs mehr gibt, wenn es keine Techniker gibt, wenn es keine Agenturen gibt. Bis ein Impfstoff vorhanden ist und wir wieder in gewohnter Form Konzerte spielen können, muss die ganze Branche wenigstens am Leben erhalten werden. Das ist, worum es jetzt geht.

          Haben Sie einen Plan B?

          Nein. Wenn wir von Anfang an mit einem Plan B an den Start gegangen wären, dann wären wir in den letzten 15 Jahren vermutlich nicht so weit mit unserer Band gekommen, sondern hätten in den schwierigen Zeiten schon längst kapituliert. Es lief ja nicht immer so gut.

          Und jetzt lief es endlich.

          Mit dem letzten Album („Nothing But Wild“, d. Red.) waren wir auf Platz zehn in den Charts, sind international getourt. Wir waren in einer Beschleunigungsphase, in der wir richtig hätten durchstarten können. Und jetzt sind wir voll ausgebremst worden. Das ist definitiv undankbar, aber nicht zu ändern. Umso wichtiger ist jetzt, dass wir diese schwierige Zeit finanziell überstehen und danach hoffentlich wieder dort anknüpfen können, wo wir aufhören mussten.

          Trommeln Sie sich frei?

          Ich bin leider gerade überhaupt nicht in Stimmung für Musik. Ich bin eher in Stimmung für einen Rechtsstreit mit der Landesregierung wegen Ausfallentschädigungen.

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