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Interview mit Opernchef Bernd Loebe : Wenn sich die Lust sogar auf Kritiker überträgt

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Frankfurt ist nach einer Spielzeit unter Ihrer Leitung "Opernhaus des Jahres" geworden. Hat Sie das überrascht? Ich habe in Frankfurt so weitergearbeitet, wie ich es in Brüssel getan habe und war mir ...

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          Frankfurt ist nach einer Spielzeit unter Ihrer Leitung "Opernhaus des Jahres" geworden. Hat Sie das überrascht?

          Ich habe in Frankfurt so weitergearbeitet, wie ich es in Brüssel getan habe und war mir relativ sicher, daß dies zu einer Akzeptanz, zu einem Interesse bei Publikum und Kritik führen wird. Daß dieses Etikett uns schon nach einem Jahr ans Revers geheftet wird, damit habe ich nicht unbedingt gerechnet.

          Was ist der Grund für den Erfolg der Oper Frankfurt?

          Ich glaube, es kommt auf das Gesamtbild an. Es ist nicht nur das sogenannte Konzepttheater, es ist nicht nur die musikalische Qualität, es sind nicht nur die Sänger, nicht nur die Dirigenten. Es ist eine gewisse Integrität, die sich dem Zuschauer mitteilt, und das Gefühl, daß die, die auf der Bühne sind, mit Freude, Energie und Lust arbeiten. Das überträgt sich, glaube ich, sogar auf die Kritiker.

          Dabei müssen Sie doch immer wieder den Spagat zwischen Anspruchsvollem und Populärem, Modernem und Klassischem, dem Regietheater und dem Bedürfnis nach einem von keiner Inszenierung getrübten Schönklang wagen.

          Wir arbeiten inzwischen schon mit einer großen Schere im Kopf. Es gibt einerseits den Druck, Einnahmen zu machen, andererseits will man einem intellektuellen Publikum etwas bieten. Aber ein Teil des Publikums, nachdem das Haus nach Cambrelings Weggang viele Aufgeschlossene verloren hat, hat eher traditionelle Erwartungen. Wir leben von diesem sehr treuen Publikum. Doch es ist schon schwer, manches, was man auf dem Papier skizziert hat, in der Realität umzusetzen. Auf Dauer müssen wir jüngere Publikumsschichten für die Oper erschließen.

          Hat das Regietheater auf der Opernbühne künftig überhaupt noch eine Chance?

          Ja, wenn die Menschen auf der Bühne den Eindruck erwecken, diese Produktion sei die einzig mögliche Form, ein bestimmtes Stück aufzuführen. Jeder Abend muß etwas Authentisches haben, so daß man sich das Stück gar nicht mehr anders vorstellen kann. Ich glaube aber auch nicht grundsätzlich, die Dinge müßten auf den Kopf gestellt, 300 Jahre alte Opern so auseinandergenommen werden, daß man sie nicht mehr erkennt.

          Eignet sich die Kunstform Oper heute nicht mehr für avantgardistische Schockerlebnisse?

          Auch ein Schock kann verführerisch sein oder so wirken, daß ein Zuschauer am nächsten Morgen sagt: Das war schon ein interessanter Ansatz. Wir leben in einer Zapper-Gesellschaft. Die Geduld des Publikums, sich auf etwas einzulassen, ist gering. Ich wünschte mir ein Publikum, das erst einmal zuhört, zuschaut und einer bestimmten Sicht eine Chance gibt.

          Ein Teil des Publikums findet Inszenierungen eher störend. Würden nicht auch viele Sänger am liebsten an der Rampe stehen und auf allzuviel Schauspielerei verzichten?

          Überhaupt nicht. Die Zeiten der Rampensänger sind vorbei. Solche Sänger hätten heute auch überhaupt keine Chancen mehr. Dafür ist die Konkurrenz viel zu groß. Die Sänger von heute sind musikalisch gut ausgebildet und zu 95 Prozent total offen für Regiefragen. Manchmal wünschte ich mir, sie würden mehr einbezogen. Oft könnte man sogar noch mehr aus einer Inszenierung herausfiltern, wenn man den Sängern größere Verantwortung gäbe.

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