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Interview : „Kein Künstler ist für uns unerreichbar“

  • Aktualisiert am

Ein Haus für alle, aber nicht für jeden: Die Alte Oper Frankfurt Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Die Alte Oper Frankfurt feiert Jubiläum. Vor 25 Jahren wurde das Haus nach den Zerstörungen des Krieges wieder eröffnet. Intendant Hocks über den Anspruch der Alten Oper.

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          Intendant Hocks über den Anspruch der Alten Oper.

          Spielt die Alte Oper in der Weltliga?

          Weltliga ist ein Begriff, den ich nicht verwenden würde. Aber die Alte Oper gehört gewiß international zu den großen Konzerthäusern.

          Will hohe Kultur zu moderaten Preisen bieten: Michael Hocks

          Wo steht sie im deutschen Vergleich?

          In Deutschland gibt es durchaus weitere renommierte Konzerthäuser: die Philharmonien in Köln oder in Berlin etwa. Aber ich schaue eher über die Grenzen hinaus: das Concertgebouw Amsterdam, der Musikverein und das Konzerthaus Wien. Nicht zuletzt mit solchen Häusern vergleichen wir uns.

          Gibt es Orchester und Künstler, die für die Alte Oper unerreichbar sind?

          Von Horowitz angefangen, bis zu Karajan, alle, die im musikalischen Leben speziell in der Klassik zu den Großen zählten, haben hier gastiert. Und das hat sich nicht geändert. Ich wüßte keinen unter den lebenden Künstlern, der für uns nicht erreichbar wäre.

          Es heißt, viele kämen ausgesprochen gerne hierher.

          Ja, die meisten unserer Künstler lieben die Alte Oper, vor allem ihrer herrlichen Akustik wegen. Kurt Masur geht es da genauso wie Christoph Eschenbach, Pierre Boulez oder Sir Simon Rattle.

          Als die Alte Oper vor 25 Jahren gegründet wurde, haben die Verantwortlichen „ein Haus für alle“ versprochen. Ist es doch nur ein Haus für die Reichen und Kunst-Konservativen geworden?

          Keinesfalls. Das Postulat ein Haus für alle ist verwirklicht worden. Die Besonderheit der Alten Oper besteht darin, daß sie als Konzert- und Kongreßzentrum fungiert. Es finden neben Konzerten hier Bälle, zum Beispiel der Opernball, der Sportpresseball und die Unicef-Gala, statt, auch große gesellschaftliche Ereignisse wie Gründungsfeierlichkeiten der Europäischen Zentralbank.

          Wie steht es mit den jungen Leuten, die kein Interesse an Klassik haben?

          Die kommen auch auf ihre Kosten. Denn das Entertainment war und ist in der Alten Oper stark. Man denke nur an die regelmäßigen En-suite-Veranstaltungen: von Andre Hellers damaligem Erfolg Flic Flac über die Westside-Story oder vor kurzem Dornröschen on Ice, eine Produktion, für die wir eigens eine Eisfläche auf die Bühne gezaubert haben. Solche Veranstaltungen ziehen ein ganz anderes Publikum an als die klassischen Konzerte.

          Sie persönlich gestalten in erster Linie das Klassik-Programm. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

          Ich habe sehr wohl ein Auge auf die anderen Veranstaltungen. Nichts findet statt, was nicht mit mir besprochen wäre. Die höchste Richtschnur ist für uns immer die Qualität. Wenn wir schon für uns den Anspruch erheben, eines der besten Konzerthäuser zu sein, so müssen wir auch immer höchste Qualität abliefern.

          Viele Veranstalter jammern, das Publikum für klassische Musik bestehe nur noch aus Rentnern und Greisen. Jammern Sie mit?

          Jammern ist nicht meine Art. Außerdem stelle ich fest, daß unser Publikum keineswegs nur aus älteren Herrschaften besteht. Es ist für ein Konzerthaus immer wichtig, für sein Tun ein Publikum zu finden, gleich welchen Alters. Für uns ist das nicht so einfach wie etwa für ein Museum mit seinen relativ bescheidenen Eintrittspreisen. Wenn eine Konzertkarte 50 Euro kostet, findet man naturgemäß seine Besucher zunächst einmal leichter unter jenen, die beruflich und finanziell etabliert sind.

          Aber müssen Sie nicht auch Nachwuchs für Mozart und Mahler gewinnen?

          Hierfür unternehmen wir mittlerweile gezielte Anstrengungen. Zum Beispiel mit unserem Jugend-Abonnement, das wir zum ersten Mal aufgelegt haben. Außerdem werden wir künftig wahrscheinlich sechs Preisgruppen im Großen Saal haben und damit demokratische Verhältnisse schaffen. Will heißen: Der Eintritt wird auch für junge Leute und wenig Betuchte erschwinglich sein.

          Vor Ihrem Amtsantritt gab es in Frankfurt Überlegungen, die Alte Oper zu privatisieren. Wie sähe das Programm aus, wenn ein Unterhaltungskonzern das Sagen hätte?

          Das mag ich mir nicht vorstellen. Mittlerweile gibt es allerdings keine einzige ernsthafte Stimme mehr in der Stadt, die einer Privatisierung das Wort redete.

          Wie wichtig sind die städtischen Zuschüsse für die Alte Oper?

          Die Grundfinanzierung der Alten Oper, und das gilt für jedes Haus dieser Art, muß die öffentliche Hand, in unserem Falle also Frankfurt, tragen. Anders geht es nicht.

          Unter Ihren Vorgängern war die Alte Oper finanziell recht opulent ausgestattet. Sie müssen mit viel weniger Zuschüssen auskommen. Warum konnte das Haus dennoch seine Stellung halten?

          Die Knappheit der Mittel regt die Phantasie an. Wir mußten erfindungsreich sein, um mit den knappen Mitteln auszukommen. Einfach ist es nicht. Ich hätte es gelegentlich schon ganz gerne, wenn ich von seiten der Stadt so unterstützt würde, daß ich nicht immer wieder leichtes Bangen haben müßte, ob wir uns eine bestimmte Veranstaltung überhaupt leisten können.

          Die Stadt ist der Hauptgeldgeber ...

          Nein, der Hauptsubventionsgeber. Das ist etwas anderes. Wir müssen - und das schaffen wir auch - von unserem 15-Millionen-Etat zehn Millionen selbst erwirtschaften. Mit 68 Prozent haben wir für ein Konzerthaus eine hohe Eigenfinanzierungsquote.

          Vertreter der Stadt sitzen in namhafter Zahl im Aufsichtsrat, die Oberbürgermeisterin ist dessen Vorsitzende. Ist Ihr Haus der Politik ausgeliefert?

          Nie habe ich mich und mein Haus ausgeliefert gesehen. Eher unterstützt. Im allgemeinen blickt die Frankfurter Politik wohlwollend auf das, was hier inhaltlich geleistet wird. Natürlich hatte ich der Politik Rede und Antwort zu stehen, als ich vor Jahren aus Finanznot zwei Veranstaltungsreihen streichen mußte. Jetzt plädiere ich dafür, daß die Stadtpolitiker wieder etwas großzügiger darüber nachsinnen, ob nicht eine Anhebung unseres Sockelbetrages von 5,271 Millionen möglich ist.

          Sind andere Musikveranstalter wie die Oper Frankfurt oder das Rheingau Musik Festival Konkurrenten?

          Die Oper nicht. Sie ist eher ein interessanter Partner, mit dem wir zum Beispiel die Reihe Oper konzertant betreiben. Beim Rheingau-Festival kann man dagegen von einer Art Konkurrenz sprechen. Doch auch hier gibt es Kooperationen. So gastiert das Rheingau Musik Festival zum Beispiel mit den großen amerikanischen Orchestern allein schon aus Kapazitätsgründen gerne in der Alten Oper.

          Mittlerweile engagiert sich eine Reihe von Sponsoren für Ihr Haus. Wie sehr hängt das Wohl der Alten Oper von diesen Unternehmen ab?

          Die meiste Unterstützung erhalten wir von der Gesellschaft der Freunde der Alten Oper, deren Mitglieder sich als Mäzene verstehen. Darüber hinaus helfen uns einzelne Sponsoren, ohne die es manches Highlight nicht geben würde. Ohne sie würde eine Lücke entstehen, denn einige Veranstaltungen kann ich nur wagen, wenn ein Sponsor bereitsteht.

          Ihr Vertrag läuft am 31. Dezember 2008 aus. Manch ein Verantwortlicher sähe es gerne, wenn Sie weitermachten. Denken Sie an den Abschied?

          Habe ich das gesagt?

          Denken Sie ans Weitermachen?

          Das habe ich auch nicht gesagt. Lassen wir die Frage lieber offen.

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