https://www.faz.net/-gzg-ah4x8

Deutscher Pianistenpreis : Der erste Heimsieg

Auffallend zart und fein: Dmitry Ablogin, hat den Internationalen Deutschen Pianistenpreis gewonnen. Bild: Stefan Höning

Der Internationale Deutsche Pianistenpreis geht an Dmitry Ablogin. Der in Moskau geborene Künstler hat an der Frankfurter Musikhochschule studiert und lehrt dort inzwischen selbst. Der F.A.Z.-Publikumspreis geht an Jeung Beum Sohn.

          2 Min.

          Wer sich als junger Musiker heute auf dem internationalen Klassikmarkt und im Überangebot an frei und überall verfügbaren Aufnahmen behaupten will, muss mehr denn je eine ausgeprägte Individualität und klare Interpretationsideen haben: Dmitry Ablogin, der Gewinner des Internationalen Deutschen Pianistenpreises 2021, hat beides, wie er beim Grand-Prix Finalkonzert gezeigt hat. ]Nach der pandemiebedingten Absage im Vorjahr hat der Wettbewerb, den das International Piano Forum Frankfurt ausrichtet, nun zum zehnten Mal in der Alten Oper stattgefunden.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der 1989 in Moskau geborene Pianist, der nach seiner Ausbildung an der Gnessin-Akademie seiner Heimatstadt an der Frankfurter Musikhochschule ein Masterstudium in der Hammerklavier-Klasse von Jesper Christensen abgeschlossen hat und dort inzwischen selbst unterrichtet, war anhand der Videobewerbungen von 100 Kandidaten aus aller Herren Länder ausgewählt. Als einer von neun Nominierten hatte er in den Vorrunden im Frankfurter Literaturhaus gespielt und war nach diesem Solo-Vorspiel von der Fachjury zum Sieger erklärt worden – am Vorabend des damit erspielten Auftritts mit Orchester.

          Zarte Beethoven-Interpretation

          Begleitet von der Philharmonie Baden-Baden, mit der er dort am Vormittag geprobt hatte, ging der erste Frankfurter Heimsieger des Wettbewerbs Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58 unter der Leitung von Gerald Mair gleich auffallend zart und fein an. Immer wieder verlangsamte er im weiteren Verlauf bewusst und ausdrucksvoll das Tempo, hielt quasi inne und regte seine Mitspieler und das Publikum so zu genauem Hinhören an. Klar und distinkt war das gespielt und stilistisch äußerst präzis eingeordnet, genau an Schwelle der Wiener Klassik zur frühen Romantik.

          Die selten zu hörende Kadenz des russischen Komponisten Nikolai Medtner, die er an der vom Solisten traditionell frei zu gestaltenden Stelle im ersten Satz einfügte, hob sich davon deshalb stark spätromantisch ab, typisch russisch zudem, reizvoll im Kontrast – und mutig von Ablogin, der so seiner Heimat eine Reverenz erwies. Der langjährige Schirmherr des Wettbewerbs, der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, sowie Vertreter der Hauptunterstützer Targobank und C. Bechstein zeichneten Ablogin mit dem Preis aus: Er ist mit 20000 Euro dotiert und an eine weitere Förderung durch das International Piano Forum gebunden. Ablogins Zugabe war das hoch differenziert vorgetragene Nocturne Des-Dur op. 27 Nr. 2 von Chopin.

          Wissen war nie wertvoller

          Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Publikumspreis für Jeung Beum Sohn

          JeungBeum Sohn, der den Preis 2019 und zwei Jahre zuvor als erster koreanischer Pianist den renommierten ARD-Wettbewerb gewann, ging das Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23 von Tschaikowsky völlig anders an als Ablogin das Beethoven-Konzert: Gerade in technisch fordernden Passagen zog er das Tempo an und hob so den virtuosen Charakter des äußerst populären Werks hervor. Allerdings stellte er die Mitspieler im Orchester so hinsichtlich des rhythmischen Zusammenspiels vor erhebliche Schwierigkeiten. Sein Spiel war sehr distinkt, aber stark auf den eigenen Part konzentriert. Lyrische Momente, etwa im Zusammenwirken mit der Soloklarinettistin, verschenkte er. Insgesamt hätte auch das Orchester bei den vollen Schlägen mehr Energie und bei einigen Einsätzen mehr Präzision aufbringen können.

          Gewinner des F.A.Z.-Publikumspreises: Jeung Beum Sohn
          Gewinner des F.A.Z.-Publikumspreises: Jeung Beum Sohn : Bild: www.workroomk.com

          .

          Dmitriy Lekovich, der 2013 den dritten Internationalen Pianistenpreis gewann, wirkte als Solist in Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 18 besser mit den Orchestermusiker zusammen. Dabei spielte er durchsetzungsfähig und brachte mit großer pianistischer Kraft die ganze c-Moll-Schwere zu Wirkung. Als zentrale Aussage vermittelte er aber den langsamen Mittelsatz, das der Zeit enthobene Adagio sostenuto.

          Den Zuschauern im Saal und den Betrachtern der Livestream-Übertragung kam es schließlich zu, per Smartphone-Voting einen der drei Pianisten mit dem von der Hans Feith und Elisabeth Feith gestifteten und mit 3000 Euro dotierten F.A.Z.-Publikumspreis auszuzeichnen. Rolf Rech, der Vorstandvorsitzende der Stiftung, und Carsten Knop, einer der vier Herausgeber der F.A.Z., konnten so den Publikumsliebling Jeung Beum Sohn küren. Das Finalkonzert des elften Pianistenpreises findet am 1. Mai 2022 in der Alten Oper statt.

          Der Konzertmitschnitt vom Wettbewerb ist bei FAZ.NET zu sehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Im trauten Kreis: Olaf Scholz (Mitte) umringt von Hubertus Heil (links), Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken in Berlin

          Sonderparteitag : SPD tagt zum Koalitionsvertrag

          In der SPD sind nicht alle zufrieden mit dem Koalitionsvertrag. Einige wollen in letzter Sekunden verhindern, dass ein FDP-Politiker Finanzminister wird.