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Otello in der Frankfurter Oper : Belcanto mit Schlange

Will Rossini historisch und stilistisch gerecht werden: Dirigent Sesto Quatrini zu Gast an der Frankfurter Oper Bild: Wonge Bergmann

Sesto Quatrini bricht eine Lanze für Rossini. Er leitet die Frankfurter Erstaufführung von „Otello“. Dabei möchte er mit Vorurteilen gegenüber dem Autor des Stückes aufräumen.

          3 Min.

          In den Belcanto-Opern Rossinis sei der Dirigent als „Ko-Komponist“ gefragt, sagt Sesto Quatrini. Der Italiener, Jahrgang 1984, einst Assistent bei Fabio Luisi und seit einem Jahr als Generalmusikdirektor im litauischen Vilnius tätig, leitet die Frankfurter Erstaufführung von Rossinis Oper „Otello“. Und er schreibt jedenfalls die Kadenzen für die Sänger selbst. Seine Partitur ist mit unterschiedlichen Farben markiert und durchanalysiert, mit Bleistift hat er an manchen Stellen mit einer sonst unter einer Fermate nur gehaltenen Textsilbe virtuose Läufe und Verzierungen ergänzt. Im Gespräch wird schnell deutlich, dass Quatrini das historische Verständnis und eine stilgerechte Aufführung des kaum bekannten Werks am Herzen liegen. Nach seiner Einschätzung gibt es viele Vorurteile gegenüber Rossini: Seine Musik erscheine vielen simpel oder geradezu dümmlich.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als Beispiel singt Quatrini fingerschnipsend gleich eine für Rossini typische, schnelle Begleitmusik des Orchesters vor: Freudig und in Dur erklinge sie zu Desdemonas Tod. Beim Belcanto spiele sich das Drama aber in den Stimmen ab und nicht im Orchester, erläutert er. Mit Wagners Idee einer Verbindung von Wort und Musik habe das nichts zu tun. Und auch wer von Verdis berühmterem „Otello“ her zu dieser auch in Italien kaum gespielten Rarität Rossinis zurückzufinden versuche, werde es schwer haben. Der Vergleich des 1816 in Neapel uraufgeführten Werks mit Verdis erstmals 1887 an der Mailänders Scala gespielten Shakespeare-Adaption sei „nicht fair“.

          Denn der Stoff werde bei Rossini aus der Tradition der komischen, neapolitanischen Oper heraus verwendet, es liegt auch nicht, wie bei Verdi, Shakespeares Original dem Libretto zugrunde, sondern eine den Erfordernissen angepasste Neueinrichtung zweier älterer italienischer Bearbeitungen. Mit diesem Genre, das den barocken und klassischen Traditionen näher stehe als Verdis späterem Musiktheater, habe sich Rossini am Geschmack des Publikums orientiert. Das Theater müsse man sich dazu zu dieser Zeit als einen Ort vorstellen, „an dem die Leute Spaß haben wollten“, an dem nebenher gegessen und getrunken wurde. Auch die neapolitanische Sprache in Rossinis „Otello“ sei ganz anders als die norditalienische bei Verdi, die historisch-politische Situation sei nicht vergleichbar.

          Musik und Szene genau abgestimmt

          Offenbar standen Rossini aber ganz ausgezeichnete Sänger zur Verfügung. Die Vokalpartien in „Otello“ seien horrend schwer, was sicher ein Grund dafür sei, dass diese Oper gespielt werde. Drei große und zwei kleinere Tenorpartien sind zu besetzen. Die Titelpartie fordere einen „Baritenore“: eine Stimme, die sehr hohe und sehr tiefe Töne erreiche und sehr flexibel für Koloraturen sei (in Frankfurt: Enea Scala). Für Rodrigo (Jack Swanson), Otellos Konkurrenten, den Desdemonas Vater lieber als deren Ehemann sähe, sei eine hohe, kraftvolle, zugleich leichte, schnelle und sprungsichere Stimme gefragt.

          Der Intrigant Jago (Theo Lebow), „die Schlange der Oper“, schleiche sozusagen stimmlich am Boden zwischen den beiden Konterparts herum. Für den „extremen Belcanto-Part“ der Desdemona sei eine weitere „Hybrid-Stimme“ gefordert, zwischen Sopran und Mezzosopran angesiedelt, mit gutem tiefem Register, lyrisch, leicht und locker, weich und feminin in den Koloraturen. Mit der georgischen Sopranistin Nino Machaidze sei ein „Superstar“ engagiert worden. Eine Herausforderung für jeden Dirigenten sei bei alldem, die Balance zwischen den Sängern und dem Orchester herzustellen. Quatrini schwebt ein kammermusikalischer Klang vor. Dabei sollen alte Posaunen zum Einsatz kommen und Trompeten, die klarer und Naturtoninstrumenten ähnlicher klängen.

          Die Inszenierung von Damiano Michieletto, die 2016 im Theater an der Wien Premiere hatte und nun als Übernahme und erste Neuproduktion dieser Saison an der Oper Frankfurt zu sehen ist, begeistert Quatrini. Er habe sie dort zwar nicht gesehen, doch habe er von Juni an die Frankfurter Proben begleitet und öfters mit dem Regisseur telefoniert. Michieletto sei es gelungen, Brücken von der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen und alles auf ein „psychologisches Level“ zu heben. Das Publikum werde eine zwischen Musik und Szene genau abgestimmte Produktion erleben.

          Die Premiere in der Oper Frankfurt beginnt am Sonntag, den 8. September, um 18 Uhr. Nächste Vorstellungen am 12., 21. und 29. September.

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