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Inszenierung von „Faust“ : Zwischen Nadelstreif und Pelzmütze

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Kapitalismuskritik als Markenzeichen: Im „Faust” wie auch in Baumgartens Inszenierung von „Tosca” an der Berliner Volksbühne Bild: picture-alliance/ dpa

„Faust“ als Steinbruch: Sebastian Baumgartens Inszenierung aus Hannover, die jetzt als Gastspiel in Frankfurt gezeigt wurde, will Goethes Stück multimedial aufpeppen.

          Goethes „Faust“ ist die Geschichte eines Teufelspakts – genaugenommen sind es aber zwei. Denn über den Stoff hinaus erhebt sich die Geschichte der Rezeption als diabolisches Spiel zwischen Dichter, Werk und Interpreten. „Dass ich ein Werk verfasste, dass die Deutschen mich 50 oder 100 Jahre hintereinander recht gründlich verwünschten und aller Orten und Enden mir nichts als Übles nachsagten – das sollt’ mich außer maßen ergötzen“, soll Goethe nach den Worten Daniel Falks im Jahr 1818 geäußert haben. Sein wenig christliches Begehren ging mehr als in Erfüllung.

          Die Berge an Sekundärliteratur sind unüberschaubar geworden, die Umdeutungen permanent: Von der Aufklärung des Mystizismus, von der Romantik der Verherrlichung des wissenschaftlichen Hochmuts und von der Kirche der Blasphemie bezichtigt, später als Repräsentant der gesamten abendländischen Kultur gefeiert, als Vorbild eines humanen Kommunismus und zugleich als Galionsfigur des freien Unternehmertums gepriesen, hinterlässt „Faust“ den heutigen Leser so klug als wie zuvor. Satanisch und zugleich verlockend scheint da das Ansinnen eines jeden Regisseurs, mithilfe der düsteren Mächte des Theaters die gültige „Faust“-Inszenierung finden zu wollen, die den Zuschauer rufen ließe: „Verweile doch, Du bist so schön.“

          Vom verzweifelten Intellektuellen zum gescheiterten Unternehmer

          Beim Gastspiel des Schauspiels Hannover zur diesjährigen Festwoche „goethe ffm“ greift Regisseur Sebastian Baumgarten mit „Faust. Kunstwerk Mensch – ein Cursus in zwei Teilen“ eben jene Deutungspluralität auf. Anstelle einer Gesamtschau präsentiert er eine höchst subjektive Auswahl an Szenen, denen er assoziativ folgt. Die nach einem Wort Mephistos als Cursus durch die kleine und die große Welt angelegte Tragödie wird bei Baumgarten zu einem Discursus in modernen Erfahrungswelten. Den roten Faden bildet dabei die von Oskar Negt attestierte Entwicklung Fausts vom verzweifelten Intellektuellen zum gescheiterten Unternehmer. Einstiegsszene ist die Erfindung des Papiergelds am kaiserlichen Hof, den Baumgarten über das Landgewinnungsthema mit der auf Sümpfen errichteten Stadt Petersburg verbindet und so in Russland verortet.

          Zwischen Nadelstreif und Pelzmütze wird der zum Kapitalismus konvertierte Ostblock das Leitmotiv der Inszenierung: präsent in den kriegerischen Kampfhandlungen auf der bühnenbreiten Leinwand im Hintergrund, die sich problemlos in einen Kontext mit Tschetschenien oder jetzt Südossetien bringen lassen, in den kommunistisch anmutenden Plattenbautürmen, vor denen Faust die Arme ausbreitet und „Alles mein“ ruft, aber auch thematisch in den eingestreuten Zitaten von Karl Marx oder den entfremdungskritischen Texten Giorgio Agambens, die Fabian Gerhardt als junger Faust zum Oberseminar münzt.

          Opernregisseur Baumgarten hat Goethes „Faust“ wie auch die Theater- und Geistesgeschichte als Steinbruch verwendet und die einzelnen Szenen zu einem multimedialen Gesamtkunstwerk zusammengefügt. Zitate von Shakespeare bis Robert Gernhardt stehen neben Liedern von Franz Schubert bis Sun Ra und Filmausschnitten von Fritz Lang bis zu modernen Installationen. Mephisto ist bei Baumgarten eine Frau. Die für Sonja Beißwenger eingesprungene Nicola Gründel fügt dem Geist, der stets verneint, bravourös eine Komponente weiblicher Verführung hinzu, spielt die didaktische Erzählerin oder die verruchte Pianistin. So arbeitet Baumgarten an vielen Bruchstellen gleichzeitig.

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