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Inszenierung von „Die Räuber“ : Der Zwiebelfürst vergiftet die Atmosphäre

Einprägsame Bilder und ein Spiel mit T-Shirts: Ricarda Beilharz inszeniert „Die Räuber“ am Staatstheater Wiesbaden. Und fragt nach den Gründen, aus denen ein junger Mensch sich dem Bösen zuwendet.

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          „Ihr habt sie doch nicht alle!“ In der Tat. Derart auszuticken ist nicht jedermanns Sache. Krach mit den Eltern, das Geld wird knapp, das Studieren macht keinen Spaß mehr, die Verhältnisse, sie sind nicht so – und die Freundin ist weit weg. Unschön. Aber man muss ja nicht unbedingt zum Verbrecher werden deswegen. Karl Moor ist im ersten Moment auch nicht gerade begeistert vom Vorschlag seiner Exkommilitonen, ausgerechnet in den böhmischen Wäldern das Räuberhandwerk aufzunehmen – und auch noch der Hauptmann der durchgeknallten Bande zu werden.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“, ließ Georg Büchner fast sechzig Jahre nach Schillers „Räubern“ seinen Danton fragen. Ricarda Beilharz, die Tochter des Intendanten, die in der vorigen Spielzeit Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ dort inszeniert hat, versucht nun am Staatstheater Wiesbaden die verschiedenen Gründe dafür aufzufächern, aus denen ein junger Mensch sich dem Bösen zuwendet. Dass Schillers „Räuber“ immerdar ein Jugendstück sind, hat nicht nur Goethe befunden. Auch in Wiesbaden rechnet man augenscheinlich mit einem eher jungen Publikum.

          Ennui gegenüber der Erwachsenenwelt

          Es gibt poppige Musik (Dirk Mündelein / Ernst August Klötzke), Zitate aus – allerdings nicht gerade aktuellen – Popsongs und reichlich Kunstnebel zu Beginn. Franziska Rast hat bei den Kostümen nicht nur der Phantasie freien Lauf gelassen, weshalb vor allem die selten plausible Kommentarfigur Anca Munteanu-Rimnic recht bemerkenswerte Outfits wechselt. Die Mode, seine Haltung oder Herkunft auf T-Shirts zum Besten zu geben, wird in den Wiesbadener „Räubern“ zum roten Faden, der Witz hat: „Moralische Instanz“ trägt der Pater auf dem Rücken, „Räuber“ und „Räuber Hauptmann“ zieren Karl und seine Bande, und Franz wird mit der Verbandsschere das „Regierender Graf von Moor“ von der Brust seines gequälten Vaters schnippeln (Uwe Kraus), um es sich selbst anzuheften.

          Karl also, der smarte Leipziger Student, am Anfang noch schnöselig in Anzug und Auftreten, wendet sich dem Räuberdasein zu, weil er sich vom Vater verstoßen glaubt. Lieben und geliebt zu werden ist, was er braucht, mal abgesehen von seinem generellen Ennui der Erwachsenenwelt gegenüber. Immerhin bleibt er auch noch im Bösen ein Guter, der Slogan „Humanity is overrated“ – Humanität wird überbewertet – ist seiner nicht, während die Räuberbande (Michael Birnbaum, Lars Wellings, Wolfgang Böhm, Sebastian Muskalla) ihr Bösesein bis zur schieren Bestialiät auslebt. Florian Thunemann als edler Verbrecher macht eine gute Figur, doch eine Intensität, die seine schon bei Schiller schwer vorstellbare Radikalisierung plausibel machen könnte, erzeugt er auch dann nicht, wenn er, wie die meisten Figuren dann und wann, aus dem Text des Stücks hin zur heutigen Jugendsprache ausbricht.

          Dass es ihm an Verve fehle, könnte man von seinem Bruder Franz nicht sagen. Michael von Burg ist geradezu ein Spielwütiger in der Rolle des ewig zu kurz Gekommenen, der von seinem Hass getrieben wird: Schon zu Beginn reibt er sich rohe Zwiebeln ins Gesicht, um dem Vater Trauer um Karl zu simulieren. Und während im Verlauf der zweieinhalb Stunden Spielzeit die Zwiebeldünste auch den letzten Platz im Kleinen Haus erreichen, vergiftet Franz die Atmosphäre, zumal wenn er, in einer der intensivsten Szenen, Amalie zwingen will, ihm zu Willen zu sein. Da ist Franziska Werner ganz präsent, wie auch zuweilen, wenn sie, schwankend zwischen Coolness und Verzweiflung, das Akkordeon und jungenhafte Gesten zu Hilfe nimmt, um den deutlich kleineren Franz in die Schranken zu weisen, der sich sogar in ein Supermankostüm wirft, um ihr zu imponieren.

          Es sind diese einprägsamen Bilder und Gesten, lakonische Einsprengsel und das Spiel mit den T-Shirts, in denen die Inszenierung der gelernten Bühnenbildnerin Beilharz ihre starken Seiten hat. Die von ihr gestaltete Spielfläche, zwei luftige Etagen, markiert von mit Packpapier umhüllten Stellwänden, die mit hehren Worten beschriftet und im Wutrausch zerfetzt werden, bietet Ein- und Ausblicke, spielt mit oben und unten und verlangt den kletternden, hangelnden Schauspielern einen Einsatz ab, der ihnen immer dann zu fehlen scheint, wenn es darum geht, auch dem Schillerschen Text Leben einzuhauchen. Da hat man, bis zum Ende mit Schrecken, den Eindruck, ein jeder spiele nur seins. Es hätte auch da des Muts zum Springen bedurft wie von der Beletage der Bühne herunter.

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