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Hessisches Staatsballett : Die Tür zur Kindheit

Ein Klassiker findet Einzug ins hessische Staatsballett: „Der Nussknacker“, inszeniert von Tim Plegge Bild: Regina Brocke

Chefchoreograph Tim Plegge interpretiert den „Nussknacker“ mit dem Hessischen Staatsballett neu. Bei der Inszenierung geht es dem Choreographen vor allem „um die kindliche Phantasie“.

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          Das Märchenhafte mag Tim Plegge sehr. „Darüber können wir unsere Welt immer wieder anders erfahren“, sagt der Chefchoreograph des Hessischen Staatsballetts. Schon 2015, fast zum Einstand, hatte Plegge das „Aschenputtel“ modernisiert. „Es macht sehr große Freude, sich mit der Tradition auseinanderzusetzen, mit den vielen Versionen, die es schon gibt, und vor allem mit der Musik“, findet er. Nun ist „Der Nussknacker“ dran, seit mehr als 100 Jahren ein Weihnachtsklassiker. Mit Zuckerfee und Schneeflocken, Spitzenschuhen und Theaterzauber, sogar mit Rollschuhen, verspricht Plegge.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Wunsch allerdings nach einer neuen Version des Klassikers kam nicht von ihm selbst, sondern von den Intendanten der beiden Staatstheater in Wiesbaden und Darmstadt, zu denen das Staatsballett gehört. Seit der Uraufführung am Petersburger Mariinski-Theater 1892 in der Choreographie von Lew Iwanow, der den Auftrag von Marius Petipa übernommen hatte, ist das Ballett immer wieder neu von Choreographen interpretiert worden. Gerüst bleibt die Geschichte von Marie und dem Nussknacker, dem Weihnachtsgeschenk, das gegen den Mäusekönig kämpft. E.T.A. Hoffmann hat sie 1816 veröffentlicht, das Ballett aber beruht auf einer Nachdichtung von Alexandre Dumas. Mit beiden Texten hat sich Plegge auseinandergesetzt.

          Wann er selbst den „Nussknacker“ zum ersten Mal gesehen hat, weiß er gar nicht mehr. „Irgendwann in Kinderjahren“ sei das gewesen. Dasselbe habe er auch die Tänzer gefragt, mit dem Ergebnis, dass er selbst tatsächlich der Einzige ohne „Nussknacker“-Erfahrung ist, alle anderen haben schon mehrere Versionen getanzt. Sayaka Kado hält den Ensemble-Rekord, mit sieben. „Dass ich das nie getanzt habe, gibt mir eine große Freiheit“, sagt Plegge. „Wir haben ohne Partitur ganz auf die Musik gehört, auf Stimmungen, Emotionen, Konflikte, die da drin sind jenseits des ursprünglichen Librettos.“

          Tschaikowskys Ballettmusik hat Plegge in Zusammenarbeit mit den beiden Dirigenten, in Wiesbaden Generalmusikdirektor Patrick Lange, in Darmstadt Michael Nündel, leicht umgestellt, sogar Jazzelemente wird es geben, live gespielt auf der Hammondorgel. Etwas Skurriles, aber dennoch Heimeliges hatte Plegge gesucht, um die Stimmung zu treffen. Ihm geht es darum, dem Märchen die Realität eines Familienweihnachtens mit all seinen Haken beizugesellen. Neben Marie, die den Nussknacker retten will, ihrem Bruder Fritz und den Eltern werde es auch eine „leicht penetrante“ Oma und eine pubertierende Cousine geben.

          Eine wenn auch nicht übertriebene psychologische Deutung strebt Plegge dabei an: „Es geht ganz stark um die kindliche Phantasie und welche Türen wir uns offengehalten haben zu unserem Unbewussten.“ Drosselmeier kenne, wiewohl erwachsen, den Weg ins Reich der Phantasie – mit Ramon John hat Plegge dafür die ideale Besetzung. Dass er mit zwei Orchestern probt, weil das Stück nach der Uraufführung in Wiesbaden auch in Darmstadt mit dem dortigen Staatsorchester gezeigt wird, gebe ihm die Möglichkeit, auch die Hauptrollen zweimal zu besetzen: In Wiesbaden tanzen Vanessa Shield und Daniel Myers, in Darmstadt Aurélie Patriarca und Enrique López Flores.

          Der Nussknacker

          Ballett von Tim Plegge, vom 19. Oktober an im Staatstheater Wiesbaden, vom 16. November an im Staatstheater Darmstadt

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