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Debatte über Rechtsextreme : Nationalismus auf den Begriff bringen

Theodor Adorno (1903 - 1969) war einer der Begründer der „Frankfurter Schule“ der Sozialphilosophie Bild: Ilse Mayer Gehrken

Podiumsdiskussion zu Adornos 50. Todestag: Im überfüllten Großen Saal der Evangelischen Akademie Frankfurt ging es um einen Vortrag von 1967. Der zeigt, dass Adorno alles andere als ein weltabgewandter Denker war.

          Adorno wirkt weiter. Auch 50 Jahre nach seinem Tod. Gerade in Frankfurt. Hier besteht nach wie vor ein immenses Interesse an Theorie, Disput und der nach der Stadt benannten Denkschule, wie der Andrang zu einer vom Kulturdezernat ausgerichteten Veranstaltung belegte, die sich mit dem jüngst veröffentlichtem, 1967 vor Wiener Studenten gehaltenen Vortrag „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ beschäftigte. Schon mehr als 100.000 Mal ist die bei Suhrkamp erschienene Nachschrift des seinerzeit gesprochenen Worts verkauft worden.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Von einer „Flaschenpost“ war bald die Rede, die aus der Vergangenheit heraus Aufschluss über Phänomene der Gegenwart gebe. Die Suche nach Orientierung und Begriffen in einer von neuen Nationalismen in Europa, den Vereinigten Staaten und anderswo auf der Welt geprägten Zeit treibt offenbar viele um.

          Großes Publikumsinteresse

          Etliche Interessierte mussten abgewiesen werden, weil kein Platz mehr war im Großen Saal der Evangelischen Akademie auf dem Frankfurter Römerberg, wo die „Podiumsdiskussion zur Aktualität Adornos“ unter dem ihm entliehenen Titel „Die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus dauern fort“ stattfand. Das Gespräch wurde per Livestream übertragen und kann als Aufzeichnung unter anderem auf der Website www.kultur-frankfurt.de abgerufen werden.

          Unter der Leitung des leitenden Suhrkamp-Mitarbeiters Thomas Sparr diskutierten die Politologin Nicole Deitelhoff, der Sozialphilosoph Axel Honneth, der Publizist Michel Friedman und Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Dabei ging es um die Frage der Vergleichbarkeit der damaligen mit der heutigen Situation, aber auch darum, wie den erstarkten nationalistischen Kräften beizukommen ist. Die Frage, ob Adornos Analyse, vorgenommen anlässlich der Wahlerfolge der NPD in mehreren Bundesländern, auch heute noch zutreffe, beantworteten die Diskutanten mehr oder weniger positiv.

          Dass der Text noch viel Gültiges enthalte, sei doch nicht so überraschend, wie viele fänden, führte etwa Deitelhoff aus. Die vor mehr als 50 Jahre geprägten Begriffe taugten eben auch heute noch etwas. Friedmann sagte, das Thema sei nie vom Tisch gewesen: „Es gibt keinen neuen Rechtsradikalismus. Das ist ein Kontinuum.“ Hartwig nannte die Veröffentlichung des Vortrags einen „erschreckenden Glücksfall“. Er zeige Adorno nicht als den weltabgewandten Denker, der schwerverständliche Gedanken äußere, sondern als jemanden, der mit klaren Worten zu einem Publikum spreche, das er mit einer tagespolitischen Intervention erreichen wolle. Seine Aufforderung „Wir dürfen kein zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit haben“ sei heute aktueller denn je.

          Feindbild der Rechtsradikalen

          Honneth sagte, es fänden sich freilich auch Unterschiede zwischen der Lage, wie Adorno sie damals beschrieben habe, und den Zuständen heute. Seinerzeit sei der Kommunismus das Feindbild der Rechtsradikalen gewesen, gegenwärtig sei es ein eher unbestimmter Liberalismus. Auch seien damals die „enormen Globalisierungseffekte“, die sich heute zeigten, noch nicht absehbar gewesen. Er sehe, so Honneth, in dem Text drei starke Elemente. Wenn Adorno zu den Zuhörern sage: Lasst uns den Gegnern die Konsequenzen ihres eigenen Denkens vor Augen führen. Wenn er über die Propaganda mit ihren fiktiven Zahlen und ihren Lügen spreche, gegen die man die Wahrheit verteidigen müsse. Und wenn er darauf hinweise, dass die Rechtsradikalen sich in Widersprüche verstrickten, weil sie sich auf liberaldemokratischem Boden bewegten, den sie den Menschen gleichzeitig unter den Füßen wegziehen wollten.

          Dem widersprach Deitelhoff in Teilen, indem sie darauf hinwies, dass das Feindbild der extremen Rechten nach wie vor die Linke sei, die mit dem „multikulturellen Liberalismus“ identifiziert werde. Und die Fakten, die Wahrheit verfingen bei Rechtspopulisten und -radikalen mittlerweile nicht mehr. Die Wähler Trumps wüssten, dass er lüge. Aber es kümmere sie nicht. Sich der Auseinandersetzung zu stellen, wie Adorno es postuliert habe, sei deshalb problematisch, „weil die Wahrheit keine Autorität mehr besitzt“. Neu sei auch die Digitalisierung, die Adorno noch nicht habe absehen können, mit ihren ungeheuerlichen Indoktrinations- und Selbstvergewisserungsmöglichkeiten.

          Verhaltener Optimismus

          Friedman wandte sich gegen die Auffassung, die, wie Adorno schrieb, „Deklassierten“ oder, wie es heute heißt, „die Abgehängten“ seien entscheidend für rechtsradikale Entwicklungen. Es sei das Bürgertum, das wesentlich dafür verantwortlich sei. Das Podium zog schließlich einen verhalten optimistischen Schluss: Womöglich könne doch an die Vernunft der politischen Gegner appelliert werden, wie Adorno es hoffte. Zumindest bei jenen, die noch nicht vollständig von nationalistischen Ideen überzeugt seien.

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