https://www.faz.net/-gzg-wfow

Theater : Im schwarzen Loch der Unerklärbarkeit

Waffentragende Loser richten Unheil an: Lars von Triers Werk diente unübersehbar als Vorbild bei Florian Fiedlers und Robert Lehningers Inszenierung von „Zur Sache Dandy!“/ „Dear Wendy“ am Schauspiel Frankfurt.

          Schon wieder Jugendkriminalität? Das Schauspiel bringt den Dauerbrenner im hessischen Wahlkampf auf die Bühne der Spielstätte Schmidtstraße. Allerdings völlig ohne Migrationshintergründe: Florian Fiedler und sein Ensemble interessieren weniger die gestiegenen oder gesunkenen Fallzahlen als vielmehr die Psyche des Amokläufers und die Motive, die ihn in den Wahnsinn treiben.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein „Doppel-Feature“ ist dieser Theaterabend überschrieben. Den Auftakt macht das wilde „Zur Sache Dandy!“, ein „Projektil“ von Fiedler und Co-Regisseur Robert Lehninger, das wie ein einordnender Prolog Lars von Triers „Dear Wendy“ vorangestellt ist. Das Stück nach dem Drehbuch zum gleichnamigen Film ist als Uraufführung zu sehen.

          Pazifismus mit Waffen

          Von Trier erzählt die Geschichte einer amerikanischen Kleinstadt, in der eine Gruppe heranwachsender „Loser“ einen auf Waffenliebe basierenden Bund gründet. Sie nennen sich „The Dandys“, sprechen von ihren Waffen nur als „Partner“ und geben ihnen Namen. Dick (Wieland Schönfelder) schreibt zärtliche Briefe an seine Wendy, die schüchterne Verkäuferin Susan (Anne Müller) verehrt Lee und Grand nahezu kultisch. Selbst der verlachte Krüppel Huey (Sebastian Schindegger) wächst zu neuem Selbstbewusstsein. Doch sie brechen mit dem Grundsatz, ihre „Partner“ nur als „moralischen Beistand“ bei sich zu führen. Das soziale Experiment, der Pazifismus mit Waffen, scheitert beim grotesken Versuch, ein Pfund Kaffee durch die Stadt zu eskortieren.

          Von Trier ist in Fiedlers und Lehningers stark gekürzter Inszenierung allgegenwärtig. Das Bühnenbild erinnert an „Dogville“: Die Strohballen rechts sind der Supermarkt des übernervösen Mr. Salomon, die Strohballen vorn der „Tempel“, in dem sich die Dandys zu Dichterlesungen und Zusammenkünften treffen, eine Bretter-Halfpipe im Hintergrund ist die Miene, in der sie Schießübungen absolvieren. Das fantastische Bühnenbild wird in seiner ganzen Breite genutzt, akrobatisch rollen und rutschen die Schauspieler von der Halfpipe. Links sitzt der Chor der Weltkriegsveteranen, der das Geschehen musikalisch kommentiert. Fiedler lässt Dick nicht wie im Drehbuch in den ersten Szenen aus dem Off sprechen, sondern wählt – ebenfalls wie in „Dogville“ – einen Erzähler, der das Geschehen beschreibt und Distanz schafft.

          Das Stück ist für sich genommen ein eindeutig auf die amerikanische Gesellschaft fixiertes Drama. Fiedler und Lehninger bringen es stark gekürzt auf die Bühne und bemühen sich, das Referenzfeld durch Einbeziehung des Publikums zu erweitern. Das Geschehen bleibt jedoch ständig „in Amerika“, es zeigt die Szenerie wie mit dem Fernglas beobachtet. Das Publikum sieht, staunt und bleibt doch unberührt. Denn es wahrt die Distanz.

          Exkurs zum Dandytum

          Es ist eben nicht so, dass in Deutschland jeder mit einer Waffe unter dem Kopfkissen schläft oder in der Hosentasche am Abzug fummelt. Diesen Eindruck versucht Fiedler in seinem Prolog zu erwecken, in dem von 20 Millionen hierzulande registrierten Waffen die Rede ist. Mehr zu denken gibt das Lied, das den Soundtrack zu diesem Theaterabend abgibt. „Shall I try to hide the way I feel inside“, singt der Chor der Weltkriegsveteranen, der seinen großen Auftritt hat, als er das „lebendige Gefühl“ beschreibt, jemanden zu töten.

          Denn erst der im Prolog angedeutete Blick in die Psyche eines Amokläufers bringt den Brückenschlag zu deutschen Verhältnissen. In „Zur Sache Dandy!“ bemühen sich Fiedler und Lehninger nicht um eine monokausale Erklärung: „Wir werden keine Erklärung für Amokläufe liefern.“ Allerdings geben sie vor, sich für den Auslöser der Tat zu interessieren, für dieses „schwarze Loch der Unerklärbarkeit“. Sie wollen ergründen, warum der Krieg im sozialen Körper ausbricht. Wie Soziologen dozieren die Schauspieler vor einer Tafel und füllen eine Blase mit Theorie an, die angesichts der schieren Tat zu platzen droht. In einer Szene stellen sie nach, wie ein Supermarktleiter, gespielt vom hervorragenden Sebastian Schindegger, austickt und Amok läuft. Er macht von einer besonders grausamen Technik Gebrauch, die an Michael Hanekes „Funny Games“ erinnert: Er spult zurück, wiederholt mehrfach den Kopfschuss.

          So unmotiviert die Wahl des Namens „The Dandys“ für die waffenverliebte Gruppe in von Triers Stück wirkt, so rätselhaft bleibt auch im Prolog der krude Exkurs zum Dandytum: In einer Art Modenschau tragen die Darsteller Kostüme zur Schau, erklären, der Dandy habe durch und durch ästhetisch zu sein. Doch dieser Catwalk stiftet keinen Sinn. Die Waffenbrüder sind keine hochsensiblen Künstler, die Modenschau erklärt nichts. Im Stück wird auf „Dorian Gray“ angespielt. Schon Dorian wusste, dass ein ästhetisches Lebensprogramm seine Grenzen hat. Bei ihm führt das nach den Regeln eines amoralischen Kunstwerks organisierte Leben ins Verbrechen.

          Weitere Themen

          Bäume fliegen, Salamander futtern, Wecker singt

          F.A.Z.-Hauptwache : Bäume fliegen, Salamander futtern, Wecker singt

          In Südhessen haben Blitze eingeschlagen und Stürme geweht. Am Tag darauf hingegen gab es ein fröhliches Erwachen der ansässigen Feuersalamander. Das und was sonst noch wichtig ist, lesen Sie in der F.A.Z.-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Brasilien-Star für Bundesliga : Das ist der Bayern-Plan mit Coutinho

          Der Transfer-Coup ist gelungen, Philippe Coutinho ist ein Münchner. Doch wie soll der Brasilianer den Bayern nun am besten auf dem Rasen helfen. Die Vorstellungen der Münchner bei diesem Ein-Mann-Projekt sind klar.
          Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

          F.A.Z.-Sprinter : Eine Ursula-Koalition für Italien?

          In Italiens Regierungskrise entscheidet sich, ob es Neuwahlen gibt, „Fridays for Future“ feiert Geburtstag – und in Brandenburg denkt man über eine Kenia-Koalition nach. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.